KUNST Stücke : Mensch & Maus

Daniel Völzke sieht sich in den Archiven und Laboren der Künstler um

Daniel Völzke

Eckig, modern, futuristisch schimmernd: In Lutz Dammbecks kleiner Stadt aus silbernen Würfeln, die sich zu Blöcken und Türmen zusammensetzen, könnte man sich wohlfühlen. Doch was machen die Bewohner? Schauen nach rechts und links und stürmen los, reißen die Klötze um, tragen sie fort, nagen sie an. Der Leipziger Künstler und Filmemacher Dammbeck erzählt in der COMA-Galerie mit Mäusen von Menschen (bis 7. Juni, Leipziger Straße 36). Genauer: mit höchst lebendigen Wüstenrennmäusen. Seine Ausstellung „Umerziehung der Umerzogenen“ – halb Seminarraum, halb Labor – spürt noch einmal den Utopien der Moderne nach, den Hoffnungen auf die Wissenschaft, auf die Kunst und auf eine Hochzeit der beiden. Und sie warnt vor dem kurzen Weg von Technikbegeisterung zum totalitären Bevölkerungsmanagement. Wissenschaft ist keine niedliche Mäuserallye, sondern Menschheitsaufgabe. Die hier gezeigten Videoarbeiten, Bücher und Kataloge nehmen Bezug auf die Ausstellung „Software“, die 1970 dem New Yorker Publikum neue Informationstechnologien anpries. Die Systemtheorie, Kybernetik und Konstruktivismus mit gesellschaftlichen Zielen verband. Kunstwerke wurden dort als Versuchsaufbauten präsentiert. Auch so ein Mäuseterrarium wurde damals ausgestellt. Ein lernfähiger Roboterarm baute die von den Nagern zerstörte Würfelstadt immer wieder auf. Theoretisch. Denn damals funktionierte die mechanische Gotteshand nicht so recht. Und obwohl sich Lutz Dammbeck Unterstützung von Wissenschaftlern holte, fährt auch sein Roboterarm nur hilflos über der chaotischen Mäusecity hin und her. Irgendwie beruhigend, so ein defekter Big Brother (Preis für die komplette Installation 192 000 Euro).



Auch Miron Schmückle bedient sich in der Galerie Doerrie & Priess naturwissenschaftlicher Präsentationsformen (bis 30. Juni, Yorckstraße 89a). Hier wirken sie nicht bedrohlich, sondern sind Ausdruck von Vielfalt und Reichtum. Der 1966 in Rumänien geborene Künstler nennt seine Serie aus farbigen Tuschezeichnungen „Botanische Archive“ – ergänzt durch den Hinweis „out of my brain“. Seit über zehn Jahren arbeitet der in Hamburg lebende Schmückle an diesen Schautafeln mit fiktiven Orchideen, wächst das Archiv mit diesen zeichnerischen Bestandsaufnahmen einer blühenden Phantasie weiter an. Auf weißem Grund entfaltet er in seiner fröhlichen Wissenschaft ein Geschlinge aus Blättern und Blüten, exakt und zart gezeichnet, mit scharfen Konturen, ohne oben und unten. Als lägen diese Pflanzen plattgedrückt in einem Herbarium. Und doch wirken sie noch sehr vital und beinahe frivol in ihrer Pracht und verschwenderischen Schönheit (Preis je Zeichnung 3600 Euro).

0 Kommentare

Neuester Kommentar