KUNST Stücke : Nacktarbeiter

Claudia Wahjudi

Es ging ja zum Glück gut. Vor 23 Jahren klemmte sich Timm Ulrichs einen Blitzableiter an den nackten Körper und lief damit hinaus aufs freie Feld, bei Gewitter, jedoch unbeschadet. In diesem Frühjahr hat der Hannoveraner Künstler seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. Das Foto von der damaligen Aktion sowie der unverkäufliche Blitzableiter hängen nun in der Berliner Galerie Wentrup (Tempelhofer Ufer 22, bis 31. Juli).

Sie zeigt fünf Arbeiten aus dem Werk des einflussreichen Bildhauers und Performancekünstlers: neben den Zeugnissen von „Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend“ die Stahlkugel von 2004, die an einem Seil um ein rotes Glashaus rotiert und dieses bei Stromausfall zerschlagen würde (28 000 Euro). Dazu ein Foto plus jenen Film, in dem sich Ulrichs 1981 die Worte „The End“ auf das rechte Lid tätowieren ließ (Edition: 25/4800 Euro). Und nicht zuletzt: die riesige Stahlkonstruktion „Projekt Damokles I“ von 1977 mit einem losen Stahlträger, den Ulrichs während der Eröffnung mit Schweißbrennern erhitzte und der dann erkaltend hinunterstürzte und einen Stuhl zerschlug (50 000 Euro).

Gefährlich und spektakulär wirken seine Arbeiten in der knappen Auswahl, die in ihrer Zuspitzung viel von Ulrichs’ Witz, Poesie und seinen Zweifeln am Sonderstatus der Kunst unterschlägt: Hat der im Zweiten Weltkrieg Geborene doch gefragt, warum ein Menschenleben so wenig zählt, während mit dem Erhalt von Kunst so viel Aufwand betrieben wird. Dennoch kommt ihm die Ausstellung einmal geradezu körperlich nahe: mit der großen Schwarz-Weiß-Aufnahme des jungen Ulrichs, der sich 1965 in einem Glaskasten sitzend als „erstes lebendes Kunstwerk“ präsentierte.

Früher verschwand Sofia Hultén von Kopf bis Fuß in Kartons, Müllsäcken oder Büromöbeln und eine Videokamera nahm sie dabei auf. Später filmte Hultén nur noch ihre Hände, wie sie eine alte grüne Kommode abspachteln und schleifen, nur um sie erneut grün anzustreichen und die ursprünglichen Gebrauchsspuren wiederherzustellen. Und jetzt sind in ihrer ersten großen Einzelschau bei Konrad Fischer Berlin (Lindenstr. 35, bis 4. September, August geschlossen) nicht einmal mehr ihre Hände zu sehen: In elegant gestalteten Nahaufnahmen zeigt hier ein Film lediglich Schrauben, Muttern, Dübel, Unterlegscheiben.

Dennoch lebt die zurückhaltende Ausstellung ganz vom körperlichen Einsatz der 1972 in Schweden geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin. Ob der verlängerte Werkzeugkasten (7500 Euro), eine Gussform aus Bauschutt oder das Fenster, das Hultén erst zerschlagen, dann geklebt, verhängt, gedämmt, verschalt, vergittert und dann in eine Wand eingelassen hat (12 500 Euro). Jedes Objekt zeugt von geduldiger körperlicher Arbeit. Hultén will Charakter, Gebrauch und Geschichte der Gegenstände nicht nur gedanklich, sondern auch gleichsam physisch verstehen. So schenkt sie den Dingen, die unseren Alltag zusammenhalten, eine geradezu vorindustrielle Aufmerksamkeit. Nostalgisch wirken Hulténs neue Arbeiten dennoch nicht, eher könnten sie buddhistische Achtsamkeitsübungen für Bildschirmarbeiter aus der digitalen Infowelt sein.

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