KUNST Stücke : Prima Klima

Annabelle Seubert

Nur wenn sich ein Wurm oder ein Staubkorn auf das Foto schleicht, digitalisiert John Haney seine Bilder. Ansonst arbeitet der kanadische Fotograf ganz altmodisch. Mit einer Kodak von 1923. Aus Edelholz. Das muss gleich zu Anfang gesagt werden, sonst glaubt nämlich niemand, dass Haneys Naturaufnahmen in der Emerson Gallery (Gartenstraße 1, bis 6. Februar) real sind. Sonst denkt jeder, er habe die Natur einfach wegretuschiert. Ausradiert. Geklaut. Weil der Ozean nirgendwo anfängt und nicht aufzuhören scheint. Übergangslos mit dem Himmel verschwimmt. Weil bloß ein paar Linien auf der weißen, matten Oberfläche auftauchen, eine Welle oder Wolke andeuten. Ein Nebelschleier das Meer überdeckt, aufsaugt, ein großes Stück verschluckt. Und das Wasser, schwarz und uneben, einer Wüstenlandschaft gleicht (5 500 Euro).

Sämtliche Launen des Klimas fängt Haney mit wenigen Schnappschüssen ein. Um sie dann auf eine gut zwei Meter breite Leinwand zu spannen. Die sonnigen Tage, in ihrer Ruhe und Leichtigkeit. Die stürmischen, in ihrem Zorn. Über zwei Jahre schaute John Haney danach, was das Wetter so treibt – auf seinem ganz persönlichen, knapp 300 Meter hoch gelegenen Aussichtspunkt: der Küste der Halbinsel Avalon, südöstlichster Punkt von Neufundland. Sein Stativ ließ er dort oben stehen. Er lichtete stets dasselbe Motiv ab. Und erwischte es jedes Mal anders.

SpringerParker dürfen nie auf der Stelle treten. Sie müssen nach Norden, immer weiter nach Norden, bis die Dunkelheit schon am Mittag hereinbricht, bis an den Rand des Polarkreises. Bis in die Region Norwegens, in welcher der Klimawandel sichtbare Spuren hinterlässt: die Finnmark. Die zwei Berliner Künstler sind auf Expeditionsreise. Erforschen Kälte und Kargheit der Tundra. Lernen Ureinwohner kennen. Nehmen Naturgeräusche auf. Knipsen vom Schnee verwehte Straßen und hell erleuchtete Gletscher, Eisschollen, die auf trübem Wasser treiben und Elche, die über leere Straßen laufen.

Drei Wände braucht es, um sämtliche Abenteueraufnahmen im Petra Rietz Salon (Koppenplatz 11a, bis 10. März) unterzubringen. Und noch ein paar mehr für Frottagen und Experimente. Den ausgefallenen Granitstein, den SpringerParker mit Kreide auf dünnes Papier gerieben haben. Den Permafrost, den sie in Stichproben nach Hause brachten, in Glasschichten füllten, gefrieren ließen und fotografierten (4 500 Euro).

Mit dem Projekt „Memoria Norway“ dokumentiert das Künstlerduo Schönheit und Veränderung des Planeten. Live. Unter www.memoria-norway.com kann man ihre aktuelle Route jederzeit verfolgen oder im Tagebuch lesen. Momentane Station: Kirkenes, eine 5000-Seelen-Gemeinde in der Finnmark. „Hier werden wir ein paar aufregende und ereignisreiche Tage verbringen“, verspricht der Eintrag vom Freitag. Zur Abwechslung mal im Warmen. Nur ein paar Stunden zuvor hatten SpringerParker das Bild einer eingeschneiten Schnellstraße auf die Seiten gestellt und dazu geschrieben: „Als die Temperatur langsam auf minus 34 Grad fiel, da wussten wir: Es ist eine sehr weise Entscheidung, unsere Fotos zu schießen, solange wir noch im Auto sitzen."

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