KUNST Stücke : Pustekuchen

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Am Anfang ist die Zeichnung. Die Skizze, der schnelle Entwurf. Es sei denn, die beiden Künstler Malte Spohr und Corinne Laroche sind am Werk. Bei ihnen steht am Beginn das Foto. Es hält einen Moment fest. Eine Welle, ein Schatten, der gleich weiterzieht. Und dann kommt die Zeichnung. Damit stemmen sie sich sehr ausdauernd gegen alles Flüchtige. Denn wenn Spohr und Laroche die schwarzweißen Oberflächen, die sie in ihren Fotos entdecken, mit dem Bleistift auf Papier übertragen, dann gehen sie dabei so präzise vor, dass es dafür viel Zeit bedarf. Spohr übersetzt seine Vorlagen in horizontale Linien, die er mit Lineal auf Bütten setzt (4900 Euro). Das ist Millimeterarbeit. Mäandernde Flecken entstehen. Ein Spiel aus Nah- und Fernsicht: Vergrößert er hier Baumrinden, organisches Gewebe? Oder fliegt er über Insellandschaften hinweg? Dass Spohr mit der französischen Künstlerin Laroche in der Galerie Fruehsorge unter dem Titel „Tour d'horizon“ zusammen- hängt, ist so logisch wie beglückend (bis 24. April, Heidestraße 46-52). Ihre Strenge potenziert sich. Laroche schraffiert Kästchen für Kästchen in einem nummerierten Raster. Die Zahlen lässt sie sichtbar am Rand stehen. Sie löst ihre wolkigen Motive in Pixel auf (2800 - 16 000 Euro). Und kommt so zu ihrem Ausgangspunkt, der digitalen Fotografie, zurück.

Einen ähnlichen konzeptuellen Makroblick auf die Welt haben die Künstler Kathrin Harder und René Kanzler, die die Galerie Seitz & Partner zusammen präsentiert (bis 26. April, Friedrichstraße 210). Wenngleich die Arbeiten nicht unterschiedlicher ausfallen könnten. So passt der Ausstellungstitel „X-Lines“ gut: Es gibt nur einen Punkt, an dem sich beide Künstlerpositionen kreuzen. Und das ist – wie bei Spohr und Laroche – die Abbildung von Strukturen. Kanzler fotografiert U-Bahn-Pläne von Großstädten. Die Bilder lässt er als Video laufen, lichtet sie abermals ab. Es sind Serien mit bis zu acht Fotografien, die er in einer Auflage von fünfzehn Stück als Mappe herausgibt (3800 Euro) oder einzeln auf Leinwand druckt (3800-5700 Euro). Die Linien der einzelnen U-Bahnen brennen sich dank langer Belichtungszeit als bunte Schweife ein. Kanzler gibt den erstarrten Netzen von Verkehrsplanern jene Bewegung zurück, für die sie eigentlich stehen. Und ringt den bereits ungegenständlichen Gebilden die maximale Abstraktion ab. In Kathrin Harders teilweise großen Zeichnungen ist mehr Platz für Assoziationen (950 - 9000 Euro). Die Künstlerin setzt kräftige, entschlossene Kreidestriche aufs Papier, verdichtet sie zu Knotenpunkten und Gespinsten. Manche überstreicht sie wieder, legt eine zweite Schicht Wellenlinien und Strahlen darüber, sodass die zarten Gitter darunter nur durchschimmern. Der Betrachter läuft durch Pusteblumenwiesen, Algenwälder, Synapsengeflechte. Und obwohl Harder nur zu Schwarz, Grau und Weiß greift, leben ihre Bilder. Weil sie sich die Natur zum Vorbild nimmt.

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