KUNST Stücke : Rohkost

Alles für die Kunst: Neu West Berlin ist schon mehrfach umgezogen. Nun findet man Club und Showroom einen alten Kreuzberger Supermarkt

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Skulpturen von Francesco Petruccelli und Claudius Hausl Whippert Arciv NWB
Skulpturen von Francesco Petruccelli und Claudius HauslWhippert Arciv NWB

Die Lebensmittel haben ihre Farbe verloren. Blass lehnen „Mondamin“-Verpackung und Chipstüte im Metallregal an der Wand. Dass Phillip D. Lüttjohann all die schwarzweißen Kartons als Siebdrucke täuschend echt nachgeahmt und mit den ursprünglichen Inhalten – Stärke, Pulversuppe oder Kartoffelscheibchen – befüllt hat, muss man wissen. Ebenso, dass früher mal ein Supermarkt in dem ultratiefen Raum neben den „York“-Kinos beheimatet war, auf dessen Vergangenheit der Künstler anspielt. Ähnlich wie Claudius Hausel, dessen sanft leuchtende „Boombox“ an der Wand die Kontur eines gigantischen Einkaufswagens besitzt.

Beide sind, neben Enzo Eggebrecht, Katja McKinney oder Renata Müller-Tiburtius, Teil der Klasse von Katja Strunz an der Universität der Künste (UdK). Ganze sieben Tage stellen sie mit ihrer Professorin in dem roh belassenen white space aus, der zum jüngst eröffneten Neu West Berlin gehört. Die schnelle Taktung passt zu jener Initiative, die selbst schon mehrfach umgezogen ist und nirgendwo länger als zweieinhalb Jahre bleiben will – zuletzt war sie auf der Köpenicker Straße zu finden, wo sich Club, Showroom und Künstlerstudios ein ganzes Haus teilten.

Ateliers gibt es nun nicht mehr, dafür das Entrée als experimentellen Ausstellungsraum und dahinter einen kommunikativen Ort von schier unglaublicher Dimension. Schummrig wie das „Kumpelnest“ und bis unter die Decke mit Porzellan aus diversen Jahrzehnten gefüllt. Dazu lange Tische und Stühle unterschiedlichster Provenienz. Man kultiviert ein Berlin-Gefühl, das es kaum noch gibt. Eine durchlässige, kreative Atmosphäre ohne falsche Nostalgie, die bis in den Ausstellungsraum strahlt, wo Eggebrecht seine Metallfaltungen auf dem Boden ausbreitet, während Renata Müller Tiburtius die Eigenschaften fieser Materialien erkundet und von Maj-Synje Berns Glaszylinder mit Öl von der Decke hängt, in dem, eingelegt wie ein medizinisches Präparat, ein roter Faden schwebt.

Neu West Berlin, Yorckstraße 85; bis 21. Februar, tgl. 12-18 Uhr, www.neuwestberlin.com

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