KUNST Stücke : Rückreise

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Während die Berlinale die politischen Umbrüche der Gegenwart verhandelt, werfen die Künstler in ihren Filmen einen nachdenklichen Blick in die Vergangenheit. In der nostalgischen Installation von Deimantas Narkevicius sind selbst die Kabel im Retrolook mit Stoff umwickelt. Der Raum in der Galerie Barbara Weiss erinnert an die Zeiten sowjetischer Filmproduktion. Für „A Tang of Lomo Film“ hat der Litauer, der im Forum der Berlinale seinen Spielfilm „Restricted Sensation“ vorstellt, ein Soundsystem der Firma Lomo Kinap aufgebaut. Statt Propaganda wie einst spielt die Anlage jetzt Musiktitel ab, die Besucher per Computer auswählen können (bis 25. Februar, Kohlfurter Straße 41/43). Dazu zeigt Narkevicius seinen wehmutsvollen Kurzfilm „Ausgeträumt“ (30 000 Euro, Edition: 5+ 2 AP). Eine junge Indie-Band aus Vilnius probt darin ihren Auftritt. Die Kamera fährt zärtlich über die Silhouette der Stadt und spürt die Narben des sowjetischen Untergangs auf. Die jungen Musiker geben sich wie die Beatles in den Sixties. In ihrer kreativen Selbstvergessenheit erinnern sie Narkevicius an seine eigenen Anfänge. Rückblick und Aufbruch, Idealismus und Ernüchterung überblenden sich in diesem sanften Bilderfluss.

Schroffer und härter setzt sich der polnische Künstler Hubert Czerepok in der Galerie Zak/Branicka mit dem Verfall der Ideologien auseinander (bis 21. April, Lindenstraße 35). Czerepok, 1973 in Slubice geboren, filmt eine Rallye durch die Theorien zur Weltverbesserung als taumelnde Höllenfahrt. Für ihn balanciert die Vernunft auf einem schmalen Grat zwischen Schwärmerei und Wahn. Die Bilder verlieren das Gleichgewicht, die Berge stehen Kopf. Czerepok hat die gewaltige Natur auf den Lofoten gefilmt, just zur gleichen Zeit, als der Rechtsextreme Anders Breivik auf der Insel Utoya Amok lief. Breivik soll bei seinem Morden das Musikstück Lux Aeterna gehört haben, so nennt Czerepok nun seinen Film (8000 Euro, Edition: 5). Die sanfte Erzählerstimme verwebt ein Gedicht des polnischen Klassikers Juliusz Slowacki mit Gedanken von Thomas Jefferson und Adolf Hitler. Unbewusst aber wächst beim Zuschauer der Widerstand. Man fühlt sich manipuliert vom Schwindel der Bilder, dem nahtlosen Übergang von Naturliebe zu Menschenhass.

Ein versöhnlich humorvolles Spiel mit Geschichte und Erinnerung, mit Durchblick und Spiegelung treibt der britische Avantgarde-Filmer John Smith. In der Galerie Tanya Leighton ist ab dem 10. Februar sein Meisterwerk „Slow glass“ zu sehen (Kurfürstenstraße 156, bis 3. März). Smith verfolgt die Geschichte der Glasherstellung in England bis an ihre Anfänge. Er spannt einen Bogen vom Bierglas über das Fenster, die Gardinen der Nachbarn bis zum ersten Blick des kleinen Jungen auf den Spitzenunterrock seiner Mutter. Der Film lenkt das Bewusstsein auf Tiefe und Schärfe, auf die Bewegung des Auges und des Kameraobjektivs. Er funktioniert wie ein Lehrstück über das Sehen und das Filmen. Weise zurrt er das Leben zusammen. Am Anfang schießt ein Kind seinen Ball durch die Fensterscheibe. Die Welt öffnet sich. Am Ende versperrt eine Mauer das Fenster und den Blick.

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