KUNST Stücke : Rundgelutscht

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Welche Überraschung. Auf den ersten Blick erinnert nichts an die Isa Genzken von heute. Doch je länger man in der Galerie Buchholz (Fasanenstraße 30, bis 20. April ) bleibt, die anlässlich der 25-jährigen Zusammenarbeit mit der Künstlerin deren Frühwerk präsentiert, desto mehr Verbindungslinien lassen sich ziehen: von den Siebzigern bis in die jüngste Zeit. Zu sehen sind neben Fotografien, Ready-Mades, Installationen auch Genzkens sogenannte Ellipsoide (Preise auf Anfrage). Man muss sie sich als dreidimensionale Ellipsen vorstellen, so sehr in die Länge gestreckt, dass sie fast wie Speere wirken. Die Maße hat sich die Künstlerin von Physikern und Mathematikern errechnen lassen und lehnt die Skulpturen an Wände oder legt sie mitten in den Raum, fasziniert von deren Eigenschaft, nur an einem einzigen Punkt den Boden oder die Mauer zu berühren. Sie schweben fast. Genzkens Interesse für Architektur lässt sich bereits in ihrem Künstlerbuch „Berlin 1973“ ausmachen. Auf dicken Pappseiten gesellen sich paarweise 78 Fotografien aus dem Westteil der Stadt zusammen, grau und matt. Links: eine blätternde Altbaufassade. Rechts: ein glattes Einkaufscenter. Zum Jubiläum wird es mit 100 signierten Exemplaren noch einmal neu aufgelegt (250 Euro).

Gefeiert wird auch in der Galerie Poll (Anna-Louisa-Karsch-Straße 9, bis 20. April). Ebenfalls mit Editionen und noch ein paar Jubiläumsjahren mehr: Vor 45 Jahren ist die Galerie aus der Künstlergemeinschaft Großgörschen 35 entstanden, gegründet von Eva und Lothar C. Poll. Seitdem wird hier unbeeindruckt von Moden des Kunstmarkts die figurative und realistische Kunst gepflegt. Tochter Nana Poll ist vor kurzem mit eingestiegen und hat nun eine Auswahl aus Grafikeditionen zusammengestellt. Darunter sind Arbeiten langjähriger Wegbegleiter, etwa von Peter Sorge, mit dem die Galerie einst ihren ersten Standort in der Niebuhrstraße eröffnete – kraftstrotzende Radierungen mit einem verschachtelten Bildaufbau, wie man ihn in Revolverblättern findet (Preise: 250 bis 350 Euro). Oder Maxim Kantor, der erste russische Künstler der Galerie, den Polls schon 1987 ausstellten und der in seinen grotesk anmutenden Druckgrafiken immer wieder Armut und Ungerechtigkeit anprangert (Preise: 300 bis 1940 Euro). Eine Entdeckung ist die fünfteilige Serie von Ulrich Baehr (2000 Euro). Heiter harmlose Farben, lila, türkis und zitronengelb, prallen auf Knobelbecher-Stiefel und deutsche Schäferhunde. Unbedingt ins Untergeschoss schauen, dort hängen sie.

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