KUNST Stücke : Salz in der Luft

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Im „Welttheater“: Auf der Bühne des Lebens agieren die Protagonisten, während der Vorhang schon halb zugezogen ist und die Szenerie auf dem gleichnamigen Gemälde von Thomas Lange (8 400 Euro) nicht mehr klar zu erkennen ist. In der Galerie Poll (Anna-Louisa-Karsch- Straße 9, bis 30. Juli) führt der Künstler vor, wie weit sich Begriffe und Genres dehnen lassen: Figürliche Malerei, wie sie Lange in den späten Siebzigern bei Wolfgang Petrick an der Berliner Hochschule der Künste studierte, handelt nicht zwingend vom Wiedererkennbaren. Seine Bilder wie „Dopo Caravaggio 3“ (21 000 Euro) oder „Sonnenkreuz“ (6 000 Euro) deuten vielmehr an, wie stark die Wahrnehmung von Erinnerungen durchsetzt ist: von Gefühlen, Ängsten, Figuren aus der Kindheit oder der Kunstgeschichte. Bei Lange kommen sie alle zurück: die Szenen einer Kreuzigung in „Madame Pompadour“ (1 300 Euro) oder der heilige, von Pfeilen durchbohrte Sebastian in Form eines Selbstporträts (10 200 Euro). Der Künstler, den die Galerie seit langem begleitet und dem sie nun mit Werken aus vier Jahrzehnten eine kleine Retrospektive gönnt, schichtet diese Eindrücke übereinander. Manches wird überlagert, anderes von Farbströmen geschluckt. Dazwischen tauchen alltägliche Figuren auf, die erkennen lassen, dass Langes Impuls der Realismus ist, den er ins Visionäre steigert.

Wie anders man mit gleichen Mitteln und einer ähnlichen Biografie arbeiten kann, zeigt Rainer Fetting in der Galerie Deschler (Auguststraße 61, bis 1. Juli). Wie Lange hat er die Achtziger in Berlin verbracht, sich der Figuration verschrieben und seinen Stil über vierzig Jahre perfektioniert. „Neue Bilder“ heißt die Schau, die parallel zu Fettings großer Überblicksausstellung in der Berlinischen Galerie läuft. Ihre Sujets sind die Nordsee und der Sylter Strand (Preise auf Anfrage). Der Künstler hat sich aus der Stadt, die einmal Basis seiner expressiven Sprache war, verabschiedet. Statt Lärm liegt Salz in der Luft, das Wasser türmt sich zu grünen Wellen. Ein „Jüngling am Meer“ und in Badeshorts schaut den Betrachter an – obgleich Fetting den Kopf oberhalb der Nase enden lässt. Kraftvoll und ausdrucksstark sind seine Motive auch ohne das Tempo, das ihnen einst Berlin vorgegeben hat. Im Unterschied zu Lange aber ist Rainer Fetting ganz im Hier und Jetzt verankert.

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