KUNST Stücke : Scherben

Anna Pataczeck

Sie sei eine „Wendegewinnlerin“ gewesen, hat Aiga Müller über sich gesagt. Denn als die Mauer fiel, entdeckte sie auf den Müllhalden rund um Berlin das Material ihrer Kunst. Regelmäßig zog die Künstlerin los, um auf den unwirtlichen Brachen nach Scherben zu suchen. Wie eine Archäologin grub Aiga Müller im staubigen Boden nach altem Porzellan, Glas, Nippes in seinen kitschigsten Ausprägungen. Ganz schön harte Arbeit für das, was später daraus entstand: filigrane, liebevoll collagierte Mosaik-Objekte, Schuhe, Kissen, Bücher, Frauen- und Männerköpfe – alle erstarrt in tausend kleinen Scherben unterschiedlichster Farbschattierungen (bis 8000 Euro). Streublümchen, Goldgirlanden und Zwiebelmuster ranken sich auf glänzenden, brüchigen Oberflächen. Die Werke sind zurzeit in der Pankower Galerie Linneborn (Parkstraße 7–9, bis 30. April) zu sehen. Auch Ölbilder sind darunter, etwa ein großes Selbstporträt (2400 Euro). Denn als Malerin verstand sich Aiga Müller vor allem. Die Scherbenbüsten waren meist Auftragsarbeiten, alle Porträts stammen von Personen aus ihrem Bekanntenkreis, deren Gesichter sie mit Gips abnahm. Der Titel der Ausstellung, den die Künstlerin selbst nach einem ihrer Bilder wählte, erweist sich im Rückblick als tragisch: „Die Karawane zieht weiter“. Im Januar ist Aiga Müller verstorben.

Am heutigen Samstag wird nun von 15–18 Uhr in der Galerie ein neuer Katalog der Künstlerin vorgestellt, der einen Überblick über ihr Gesamtwerk gibt. Bereits in einem Ölgemälde von 1978 taucht eine Scherbe auf: Sie liegt auf einem roten Kissen wie ein Schmuckstück. „Ihrer Herkunft treu konnten Zeitgeist und Mechanismen des Kunstmarkts Aiga Müller nicht von ihrem Kurs ablenken. Ihre starke innere Autonomie verhinderte jegliche Neigung zur Opportunität“, heißt es in einem Katalogtext. Aiga Müller hatte ab Mitte der sechziger Jahre an der Kunsthochschule in Karlsruhe studiert, in den Siebzigern ging sie mit einem DAAD-Stipendium für ein Jahr nach London. Sie war dem Verein der Berliner Künstlerinnen und dem Frauenkunstverein Gedok verbunden, immer wieder stellte sie in der Ladengalerie Berlin aus. Es gehört zum Wesen ihrer malerischen wie bildhauerischen Arbeiten, dass sich Kunst und Alltag vermischen. In den aus mehreren Bildtafeln zusammengesetzten Gemälden tauchen Gegenstände aus ihren Regalen in der Charlottenburger Wohnung auf, wo sie auch ihr Atelier hatte. Fasziniert war sie von Stoffen, Stickereien und Tapeten, deren Muster sie zu Stillleben arrangierte. Es sind Erinnerungsbilder. Man kennt das von sich selbst: An vieles aus der Kindheit kann man sich nicht mehr erinnern, aber welche Muster die Vorhänge der Großeltern hatten, weiß man noch ganz genau. Zu heimelig wurde es bei Aiga Müller jedoch nie. Dazu hatte sie viel zu große spielerische Freude, Körperteile einstiger Nippesfigürchen zu verdrehten Kleinplastiken zusammenzusetzen. Surreal.

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