KUNST Stücke : Schlechte Träume

Kolja Reichert

Irgendwann muss das wieder aufhören mit diesen Krisenbezügen in jedem zweiten Artikel. Einer noch: Was ist die Geisteshaltung der Stunde? Klar, die Romantik! Warum sonst holt gerade mancher junge Künstler die Leichen alter Schauergespenster aus dem Keller, Totenköpfe, Blumenbuketts, Geisterhaftes, verwunschene Wälder? Hier lauert hinter jedem Rosenbusch Krise und Verfall, niemand behält die Kontrolle. Und gibt es eine bessere Allegorie der entgleisten Finanzwirtschaft als eine durch den Nebel rasende Kutsche ohne Kutscher, aus der die Flammen schlagen? Der Applaus gebührt Nicolai Huch, 1977 geboren, Meisterschüler bei Valérie Favre an der UdK. „Aufwachen, es wird dunkel“, heißt die Reihe opulenter Ölgemälde (650-6000 €), die Sammler Harald Frisch in der Halle am Wasser zeigt (Invalidenstraße 50, bis 21. Februar). Skeletthunde in dunkler Nacht, wahnsinnige Mädchen im Feuerschein, schlafmohnrote Signalballone als Blütenkelche. Unter zwei Hamletschen Totenköpfen die Drohung: „It’s going to get worse“, es wird schlimmer werden.

In der Galerie Eva Bracke steigt der Besucher über ein schlummerndes Paar hinweg. Linda Franke hat sich und ihren Freund in Silikon modelliert und in ein Pressspanbett gelegt. Beide liegen zur Wand gedreht und lassen Platz, damit man über die sanft nachgebende Matratze in die höher gelegene Hinterkammer steigen kann. Klemmlampen werfen warmes Licht an die Wände, aus denen Gebilde aus Silikon, Pappmaché und Bauschaum ragen, wie Relikte einer Explosion (Objekte von 800 bis 3000 €, Gesamtinstallation auf Anfrage). Franke gehört zur selben Generation wie Nicolai Huch. Mit 28 Jahren hat sie gerade ihre Meisterklasse abgeschlossen. Draußen rauscht der Verkehr vorbei, und im Bett schläft ungerührt noch immer das Paar, zu dessen Traum man gerade geworden ist (Torstraße 170, bis 27. Februar).

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