KUNST Stücke : Schneckenpost

„Snail Mail“ nennen Netz-Enthusiasten spöttisch den herkömmlichen Postweg. Nicht minder ironisch beleuchten „boredomresearch“ unser aller Hype auf Kommunikation in Sekundenschnelle. In „Real Snail Mail“ machen Vicky Isley und Paul Smith lebende Weinbergschnecken zu E-Mail-Boten.

Michaela Nolte

Sechs von ihnen kann man derzeit in der Galerie DAM (Tucholskystraße 37, bis 24. Oktober) bei der Arbeit zusehen. Das britische Künstlerpaar hat ihnen Namen gegeben. Auf ihrem ein Quadratmeter großen Feuchtbiotop holen die Tierchen, ausgestattet mit elektronischen Chips und Antennen, eine E-Mail beim Server auf der einen Seite des Geheges ab. Verschickt wird die elektronische Post, wenn die Schnecke am Sender auf der gegenüberliegenden Seite vorbeikommt. Die durchschnittliche Transportzeit aller seit 2008 ins Schneckenpostrennen gegangenen Agenten wird auf www.realsnailmail.net mit acht Tagen, 16 Stunden, 58 Minuten und elf Sekunden angegeben. Wer hier seine E-Mail aufgegeben möchte, muss sich allerdings in Geduld üben: Der Rückstau beträgt aktuell fast 262 Tage, weil rund 11 000 E-Mails auf ihre Schnecke warten. In solchen Angriffen auf den Schnelllebigkeitswahn treffen intelligente Kunst und künstliche Intelligenz auf britischen Humor. Genau wie in den poetischen Software-Objekten „Lost calls of cloud mountain whirligigs“. Whirligigs sind Wesen, deren Form irgendwo zwischen Seepferdchen und kreiselnden Plastikspielzeugpropellern siedelt. Sie schlafen, singen, tanzen, werden und vergehen. Eine Art Tamagotchi, das sich, einmal mit dem virtuellen Programm gefüttert, ästhetisch ausgefeilt immer wieder selbst kreiert (8000 Euro).


So gar nicht virtuell hebt Hema Upadhyay auf die Schnelllebigkeit der Megacitys ab. Die 1972 geborene Malerin lebt in Bombay, das mit über 13,6 Millionen Einwohnern die Liste der Megastädte weltweit anführt. Auf den ersten Blick wirken Upadhyays Bilder schön, ruhig und beinah dekorativ: kräftig konturierte, florale und ornamentale Motive in typisch indischen Farben. Doch in den bunten Schein schleicht sich der raue Alltag. Kleine Fotos von nackten Schaufensterpuppen sind in „Yours Sincerely“ auf Flößen gestapelt, dazwischen irrt die Künstlerin. Eine Paraphrase auf Géricaults „Floß der Medusa“. Eindringlich auch die Serie „Killing Sites“: Das traditionelle Bild wird von einer Konstruktion gerahmt, die wie ein Dachvorstand oder Bauchladen mit kleinen Papphütten und Schrottteilen auf die Slumviertel in den indischen Millionenstädten verweisen. Politische oder feministische Statements sind es denn auch, die die Kunst von Upadhyay in der Gruppenschau bei Nature Morte (Zimmerstraße 90–91, bis 31. Oktober) mit Anita Dube, Seher Shan und June Glasson verbinden. Das „ganz besondere Gesamtkunstwerk“, das die Einladung suggeriert, sucht man in der Berliner Dependance der 1997 in Neu- Delhi gegründeten Galerie jedoch vergebens. Aber auch das ist Schnelllebigkeit: wenn große Begriffe hastig für schlichte Ideen bemüht werden (Preise: 200 bis 50 000 Euro).

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