KUNST Stücke : Schwarzheiß

von

Zeit und Raum sind die großen Komponenten in der Fotografie. Was passiert, wenn Künstler mit voller Absicht an diesen Stellschrauben drehen, zeigt momentan Anna Lehmann-Brauns in der privaten Kunsthalle Frisch (Halle am Wasser, Invalidenstraße 50-51, bis 15. Dezember). Ihre fotografischen Räume hält man für vollkommen inszeniert. Zu farbig, romantisch, unwirklich. Dabei sind es bloß die Launen von Wetter und Licht, die selbst den tristesten Ecken Berlins ein seltsames Leuchten abringen. Dem Fußboden eines Clubs, der wie lackiert wirkt und den achtlos verstreuten Abfall als Schmuckstück trägt. Oder eine tiefrote Wand an der Potsdamer Straße, auf die ein zarter Lichtstrahl ein abstraktes Bild zeichnet.

Ein Teil der Orte ist tatsächlich nicht real. Die 1968 geborene Künstlerin, Absolventin der Meisterklasse von Joachim Brohm an der Leipziger Kunstakademie, hat manches am Filmset aufgenommen und anderes en miniature selbst gebaut. Aber auch hier verfängt das Auge. Langsam tastet es sich bis in die Winkel jener dämmrigen Zimmer, Straßen oder Telefonzellen. Menschen begegnet man hier nicht und hält die Orte doch für belebt, weil sich dort Dinge angesammelt haben, die private Geschichten imaginieren. Vielleicht ist auch das von Anna Lehmann-Brauns inszeniert, ganz klar wird es nicht. Das Vage fördert die Assoziation, genau wie der Titel der Ausstellung: „Schwarzmalerei“. Dabei sind die Serien aus den vergangenen Jahren stets farbig und in machen Fällen wie der Kegelbahnkulisse sogar schreiend bunt. Doch der Künstlerin geht es um etwa anders – den Prozesses der Sichtbarmachung. Vergleichbar mit dem Moment, in dem sich aus der Dunkelheit eines Ortes allmählich schemenhaft abzeichnet, was etwas später dann konkrete Form annimmt. Diesen fragilen Moment festhalten zu wollen, ist ein Paradox. Wie es funktioniert, erzählt die Künstlerin am heutigen Samstag, den 24. November, wenn sie ab 13 Uhr bis in den frühen Abend jede Stunde durch die Ausstellung führt.

Schnell entschließen muss sich auch, wer noch einmal den Potsdamer Platz in seinen architektonischen Anfängen nach 1989 erleben möchte. Michael Wesely dreht die Zeit zurück und präsentiert in der Galerie Fahnemann (Fasanenstraße 61, bis 24. November) drei seiner einzigartigen Langzeitbelichtungen in Schwarzweiß – und im musealen Überformat. So wird jedes Detail der komplexen Bebauung sichtbar. Gebäude, Krähne, Stahlträger und der Lauf der Sonne verbinden sich zum chronologischen Abriss. Und verwischen gleichzeitig zu einem einzigen Bild, weil der Künstler den Fortgang der Arbeiten mit fest installierten Kameras über Jahre zugleich seziert und verdichtet hat. Ihre Aufnahmen dokumentieren eine Entwicklung und erzählen die Geschichte noch einmal von Anfang an. Dabei wirken sie selbst schon wieder wie Boten aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Auch weil die Lichtspuren der Autos auf den Bildern an jene Fusselspuren und Fehlstellen erinnern, die man auf historischen Fotos entdecken kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben