KUNST Stücke : Short Stories

Jens Hinrichsen blättert in amerikanischen Fotoalben

Jens Hinrichsen

Was hat Dokumentarfotografie mit Anton Tschechow zu tun? Auf den zweiten Blick eine Menge. Beim Titel der zweiten Soloausstellung „A Shimmer of Possibility“ von Paul Graham in der Galerie Carlier Gebauer handelt es sich um ein Zitat des großen russischen Dramatikers. Den Impuls für Grahams 2004 begonnenen Rundblick über die USA waren allerdings Tschechows Kurzgeschichten – undramatische Alltagsszenen, deren Beschreibungsdichte Graham nach eigenen Worten ebenso fesselte wie ihre „Magie und Transparenz“. Bei dem 1956 in England geborenen Fotografen sind es vorwiegend Bildsequenzen, die andeuten, wie Zeit verstreicht, wie in einer Bewegung bereits die kommende aufscheint: Ein Mann in Pittsburgh schiebt den Rasenmäher hin und her, einer anderer in Las Vegas hat sich für die Dauer einer Zigarettenlänge in den Schatten einer Betonmauer verzogen. Graham bleibt auf Distanz zum Unterschicht-Amerika, das er porträtiert. Souverän verzichtet der Fotograf auf jede „straight photography“, die Zurschaustellung von Elend oder platte soziale Anklage. Ihre Schärfe gewinnen die Sequenzen durch die Möglichkeitsform: In New Orleans traf Graham einen schwarzen Rollstuhlfahrer, der Mineralwasser aus einer Dose trank. Zwar entstanden die Bilder vor der Hurrikankatastrophe im August 2005, aber der Fotograf hat die Ansichten des Mannes mit Motiven eines Unwetters ergänzt, das sich am Himmel zusammenbraut. Katrina kommt, todsicher (Markgrafenstraße 67, bis 26.7.).



Hinter der leeren Fensteröffnung einer Ruine in Bogotá blüht der Hibiskus. Auch die Bilder, die der Magnum-Fotograf Alex Soth aus der kolumbianischen Kapitale mitbrachte, oszillieren zwischen Gestern und Morgen. Und wie bei Graham liegt die Serie „Dog Days Bogotá“ in Buchform vor. Die Galerie Wohnmaschine präsentiert 21 Abzüge, alle mit der Mittelformatkamera gemacht, deren neutralisierendes 6x6-Quadrat die Bilder noch zurückhaltender wirken lässt als die Studien des Kollegen. Hinzu kommt die entsättigte Farbwiedergabe. Üppige Vegetation wird Alltagsgraugrün. Überhaupt kommt die Auswahl eher kraftlos daher, gerade im Vergleich mit Soths parallel bei C/O Berlin ausgestellten „Fashion Photographs". Das ist keineswegs nur eine Frage der Sujets, wie ein Vergleich mit Soths eindringlicher Missisippi-Dokumentation zeigt. Die Bogotá-Aufnahmen entstanden, während der Fotograf und seine Frau 2002 in Kolumbien das Mädchen Carmen adoptierten, Anlass war ein der Tochter gewidmetes Album ihrer Geburtstadt. Soth will „die Schönheit dieses harten Orts" beschreiben und sammelt kleine und krasse Geschichten vom Rand. Schön? Nein, aber vielleicht soll Carmen später mehr als nur einen blassen Schimmer ihrer Herkunft bekommen (Tucholskystraße 35, bis 13.7.).

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