KUNST Stücke : Sprösslinge

Jens Hinrichsen sucht das Gesicht der künftigen Kunstmeile Heidestraße

Jens Hinrichsen

In der Brache regt sich was. Später mal wird man von jenen Zeiten raunen, da in der Heidestraße Galerien wie Pilze aus dem Boden schossen. Sieben sind schon sichtbar, eingezogen im Gewerbegebiet. In einen Hallenkomplex, der einen Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt ist. Hier lockt städtebauliches Niemandsland, das allmählich mit Kunst bepflanzt wird. Mit junger Mädchenblüte in der Galerie Schuster zum Beispiel: Gesichter für ein gesichtsloses Umfeld. Deborah Hamon aus San Francisco malt Heranwachsende in lieblichem, suburbanem Umfeld: saftig grüne Wiesen, Swimming-Pools, hellblaue Zimmer, in denen man vom Boden essen könnte.

Die blitzsauberen Schonräume lassen Aufbruch und Aufbegehren schwierig erscheinen. Schnallenschuhe blinken, Blümchenkleider wehen. Koalabären reiben sich an rosa Bäumen, ein Hauch kindlicher Sexualität weht durch die Bildräume. Eine Vierer-Clique mit hochgezogenen T-Shirts betreibt Nabelschau, ein Trio übt Modelposen am Beckenrand (700 bis 4 400 Euro). Hamon ist selbst Mutter einer pubertierenden Tochter. Ihre fast provozierend „harmlosen“, dabei souverän gemalten Tableaus zitieren David Hockney, Edward Hopper oder Alex Katz. Die Europa-Premiere der gebürtigen Australierin ist eine doppelte, weil die Galerie Schuster Photo parallel ihre Foto-Malerei-Montagen präsentiert (Heidestraße 46 und Gartenstraße 7, beide bis 29.3.).



Eine Tür weiter sind ebenfalls Porträts zu sehen. Die Galerie Haunch of Venison nutzt diesmal beide Stockwerke ihres gewaltigen, 600 Quadratmeter großen und elf Meter hohen Raums. Allein eine Wand bietet Platz für 333 Kopfbildnisse von Brian Alfred. Der Amerikaner, Jahrgang 1974, malt Musiker, Künstler, Schauspieler, Schriftsteller und Politiker mit Acrylfarben auf Kleinformate. „Millions Now Living Will Never Die!!!“ heißt die Serie. Dass Menschen per se unsterblich sind, ist die Prämisse der Arbeit, weil ihre Ideen und Werke in anderen weiterleben. Die Porträtierten haben Alfred beeindruckt und beeinflusst – weniger im Sinne leuchtender Vorbilder, von denen man ja höchstens drei im Leben hat. Das Konvolut wirkt eher wie ein Selbstporträt aus Facetten, aus kleinen Personenpartikeln. Einen Teil davon findet man auf der Empore wieder, in winzigen Papiercollagen, in denen sich die flächig-plakative Ästhetik der Malerei wiederholt. Stars wie Sofia Coppola, James Rosenquist oder Barack Obama rücken uns noch näher: dank Scherenschnitt und Klebstoff wirken sie weniger „clean“. Früher hatten Menschen in Brian Alfreds Kunst gar nichts zu suchen. Seine Gemälde und Computeranimationen zeigten eine entvölkerte, urbane Welt. So passantenleer, wie auch die Heidestraße nicht wieder sein wird (Preise auf Anfrage, Heidestraße 46, bis 22.3.).

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