KUNST Stücke : Strahlenbündel

Michael Nungesser

Den eigenen Atemzug als Maßstab – im Zeichen dieser Metapher steht die Ausstellung der argentinischen Künstlerin Catalina Chervin im Kunsthaus Lempertz (Poststraße 22, bis 15. März). „Con la medida de mi aliento“ überschreibt sie die Reihe ihrer schwarz-weißen Zeichnungen, die das gewöhnliche Maß von Papierarbeiten weit überschreiten. Es sind Bilder, die bis zu zwei Meter Höhe erreichen und doch nichts Monumentales oder Überwältigendes aufweisen. Sie pulsieren leise, senden sanfte Impulse, ziehen magisch an, machen neugierig. Keine markanten Konturen und Linien, nichts deutlich Erkennbares wird vorgegeben, der Weg der Betrachtung erweist sich als ein Suchen und Erforschen, ein meditatives Ein-Sehen in eine unbekannte amorphe Welt, die die Blätter bis zu den Rändern hin ausfüllt. Auf den ersten Blick lassen sich lediglich Hell-Dunkel-Zonen erkennen, ein Wechselspiel von Schattierungen. Dann sieht man Tausende von Linien und kalligrafische Zeichen. Mit feinsten Stiften erschafft Catalina Chervin in Kohle, Bleistift und Tusche Strukturen in allen denkbaren Grauabstufungen. Sie bestehen aus Büscheln, Punkten, Kringeln und Schraffuren, die sich überlagern und durchdringen, unterbrochen von hellen, mit dem Radiergummi geschaffenen Zonen, von Lichtbahnen und Strahlenbündeln. Es ist eine fantastische Welt – aber ohne fixe Gespenster.

Doch es besteht kein Zweifel, die 1953 in Corrientes im Nordosten Argentiniens geborene und in Buenos Aires lebende Künstlerin steht in der Tradition des Surrealismus. In den neunziger Jahren entwickelte sie ihre visionären Innenlebenbilder, aus der die jetzt ausgestellten Werke der letzten Jahre hervorgegangen sind. Damals standen anthropomorphe Formen im Zentrum, Umrisse von Schädeln und Körperschemen. Der große Atem ist in den neuen Zeichnungen erhalten geblieben (Preise: 10 000-20 000 $), aber alles Figurative geschwunden oder in den Hintergrund gedrängt. Und doch meint man, Vogelschwärme zu erahnen, vom Wind zersaustes Geäst oder Wolkenbrüche. Die Grenzen zwischen ganz groß und mikroskopisch klein lösen sich in diesen filigran gesponnenen, fast abstrakten, von Melancholie durchhauchten Innenwelten auf. Anstelle erkennbarer Gegenständlichkeit tritt Atmosphärisches. Neben den Zeichnungen sind Collagen zu sehen, dazu die beiden Grafikzyklen „Apocalipsis“ (2004) und „Canto“ (2010/11) mit je einem Gedicht von Fernando Arrabal und Itzhak Katzenelson (pro Blatt 900 $). Diese Radierungen wurden von Lothar Osterburg in New York gedruckt. Nicht nur hier sind ihre Innenwelten auch von Schreien und Gesängen erfüllt, haben sich Spuren von Leid und Schrecken ins Papier geschrieben und lassen einen Augenblick den Atem stocken.

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