KUNST Stücke : Stück für Stück

Jens Hinrichsen sieht Sezierern bei der Arbeit zu

Jens Hinrichsen

Umarmung in der Röhre: Eng umschlungen mit ihrem Partner lag die Engländerin Marilène Oliver in einem Magnetresonanztomografen. Auf der Maschinenzeichnung „Kiss“ (2005) lösen sich die Körpergrenzen in bläschenartige Strukturen auf, die Herz- und Lungenaktivität abbilden. Die Apparatemedizin birgt poetisches Potenzial: In der Galerie Herrmann und Wagner re-romantisiert Oliver die Bilder aus dem Körperscanner. Vor vier Jahren war am selben Ort ihr „Family Portrait“ zu sehen. Oliver hatte sich und ihre Lieben in virtuelle Scheiben schneiden lassen und die Familie als Lamellenskulpturen rekonstruiert. Aus dem Datensatz ihrer Mutter sind auch die mit verknüpften Acrylscheiben der „Exhausted Figure“ gewonnen, die wie eine ungespielte Marionette auf einem schwarzen Podest liegt. Zwischen digitaler Fragmentierung und zunehmend utopischer Ganzheitlichkeit oszillieren auch die „Derwische“, fünf aufrecht im Raum schwebende, aus Längsschnitten ein und desselben Körpers zusammengesetzte Säulen aus aufgefächertem Stoff. Je mehr Abstand der Betrachter nimmt, desto klarer werden die Umrisse der Geistertänzer: Ecce homo (Koppenplatz 6, bis 21. Juni).



Das Prinzip medizinischer Diagnostik prägt in gewisser Weise auch die Kunst von David Claerbout. In der Galerie Johnen seziert der Belgier ein „banales“ Ereignis auf einem Bolzplatz in Algier. Die aus Hunderten von Standfotos unterschiedlicher Perspektiven kompilierte Diashow „Sections of a Happy Moment“ zeigt junge Maghrebs, die in ihrer Fußballpause Möwen füttern, während andere die Szene beobachten. Jedes Foto ist aus Studio- und Außenaufnahmen zusammengesetzt. Als Anatomie eines Augenblicks birgt das Schwarzweißvideo unzählige Blicke und Interpretationsmöglichkeiten. Die freundliche Begegnung zwischen einem Jungen und einer Möwe ist ebenso enthalten wie der melancholische Blick eines Mannes am Rand. Als wäre er ein Frankenstein der Zeit, vernäht Claerbout in einem zweiten Video verschiedene Tempi miteinander. Absurd: Eine alte Villa ist im Zeitraffer gefilmt, Schatten rasen unnatürlich über die Fassade, während die Protagonistin in Zeitlupe Kaffee einschenkt, dann dem Betrachter zuwinkt. Aus intimer Nähe zieht sich die Kamera plötzlich resignierend zurück ins Panorama. Klar: Wenn die Uhren verrückt spielen, bleibt keine Zeit für Umarmungen (Schillingstraße 31, bis 7. Juni).

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