KUNST Stücke : Tief unten - zu Besuch in zwei Berliner Ausstellungen

Junge Kunst aus Osteuropa wird immer attraktiver. Simone Reber folgt Künstlerinnen auf ihren Seitenwegen

Simone Reber

Ganz unten. Wächst Gras zwischen den Gehwegplatten. Liegen Kaffeebecher und Apfelbutzen. Ganz unten leben die Tauben. Ihre Perspektive zeigen die russischen Zwillingsschwestern Maria und Natalia Petschatnikov in der Installation „Sidewalk“ bei Wagner und Partner (Karl-Marx-Allee 87 bis 27. Juni). Die grauen Stadtvögel bevölkern den gepflasterten Boden der Galerie. Sie sind aus Pappmaché, dennoch erwarten wir intuitiv, dass sie auffliegen. Doch diese Vögel weichen nicht (als Multiple 200 €). Ölbilder über der Sockelleiste zeigen die Lebenswelt der Tauben zwischen unserem Abfall und ihrem Kot. (1700 bis 4000 €). Maria und Natalia Petschatnikov, Jahrgang 1973, stammen aus dem St. Petersburger Künstlermilieu. Sie haben bei Annette Messager in Paris studiert. Ihr Blick fällt auf die Ränder des Lebens, auf die Mauerblümchen und Aschenputtel. Die eineiigen Zwillinge finden Zweisamkeit, wo andere Trostlosigkeit sehen. Bei dem Ober- und dem Unterteil eines Fastfood-Behälters zum Beispiel, die auf ewig miteinander verbunden sind. Ihre Bilder zeigen berührende Intimität selbst in der Unwirtlichkeit des Rinnsteins. Auch Tauben bleiben sich ihr Vogelleben lang treu. „Sidewalk“ – mit dem Abstecher auf den Gehweg verführen uns Maria und Natalia Petschatnikov, die Romanzen im Abseits zu erkennen.

Auch die polnische Künstlerin Kinga Araya hat sich auf den Weg gemacht. Für ihre Performance „Ten Steps“ ist sie einmal um Berlin gelaufen, 160 Kilometer auf den Spuren der ehemaligen Mauer. Die Kunstfabrik am Flutgraben zeigt die Videodokumentation von „Ten Steps“ im ehemaligen Wachturm Schlesischer Busch (Schlesische Straße, bis 26. Juli), der seit 2005 ein Ort für künstlerische Interventionen ist. Für Kinga Araya war die Aktion eine Art Zwischenbilanz. Zwanzig Jahre, sagt sie, habe sie im Schatten des eisernen Vorhangs gelebt und anschließend zwanzig Jahre lang im Westen. Als Studentin gehörte sie in Polen zu einer Untergrundgruppe, die antikommunistische Aktionen plante. Auf einer Studienreise nach Florenz blieb sie dann in Italien, mit nichts in der Tasche als einem einzigen amerikanischen Dollar. Sie schlug sich als Babysitterin und Putzfrau durch und beantragte schließlich die kanadische Staatsbürgerschaft. In Kanada landete die Künstlerin in einer Stadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg Berlin hieß. Mein Leben bewegt sich in Kreisen, resümiert Kinga Araya. Mit einem GPS, begleitet von Fremden und Freunden, ist sie einen großen Kreis um Berlin gelaufen. Im Film (Preis auf Anfrage) sammelt sie Geschichten über die Mauer, denkt nach über ihre Vergangenheit und die Bewegung des Laufens, die sie immer wieder an ihren Ausgangspunkt zurückbringt. In der Enge des ehemaligen Wachturms wird die Absurdität gewaltsam gesetzter Grenzen deutlich – genau wie ihre Vergänglichkeit.

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