KUNST Stücke : Verkehrter Held

Simone Reber

Ein Brett vorm Kopf ist nichts dagegen. Thorsten Brinkmann stülpt sich einen ganzen Mülleimer über das Gesicht und rennt damit gegen die Wand. Vom Unglück des Unscheinbaren, vom Heldentum des Hässlichen handelt seine Ausstellung „Studioblüten“ in der Galerie Kunstagenten (Linienstraße 155, bis 6. Juni). Brinkmann lässt Nippes und Gelsenkirchener Barock zu ungeahnter Schönheit erblühen. Weggeworfene Kleiderhaken und abgenutzte Staubwedel erleben auf Fotos ihre Wiedergeburt als kleine Statuen (2200–6500 €). Es sind Huldigungen des Serialsammlers an die Unsterblichen der Kunstgeschichte: Frank Stella, Hans Arp, Joan Miró. In einer raumfüllenden Installation hat der Künstler dem Bett ein Denkmal gesetzt aus schmiedeeisernen Kopfteilen und Gitterrosten, im nächsten Raum lockt eine arkadische Landschaft aus poliertem Nussbaumfurnier mit Häkeldeckchen und Plüschpuschel. Deutlich lässt sich an der skurrilen Aufmischung des Alltags ablesen, dass der 1971 in Herne geborene Künstler bei Bernhard Blume studiert hat. Sein Film „Se King“ erinnert aber auch an die selbstironischen Katastrophenszenarien von Fischli/Weiss. Se King, der König, posiert mit Emailleeimer auf dem Kopf, rotem Samtumhang und hölzerner Lanze vor der Kamera. Immer wieder gefriert der Recke zum Standbild – halb Held, halb Häuflein Schrott. Eine herrliche Metapher auf den alltäglichen Lebenskampf ist das, auf die prekäre Gratwanderung zwischen Pomp und Lächerlichkeit. Und eine Rarität. Denn Brinkmann kann sich selbst auf die Schippe nehmen, Hauptsache die Kehrschaufel ist vom Trödler.

Helden knöpft sich auch Julian Rosefeldt in seiner fünfkanaligen Filminstallation „American Night“ vor, die bei Arndt und Partner (Invalidenstraße 50/51, bis 16. Mai) in einer Preview zu sehen ist. Die Amerikanische Nacht – seit Truffauts Film bekannt als Technik, um tagsüber Nachtszenen zu drehen – steht bei Rosefeldt auch für politische Finsternis. Seine Arbeit zelebriert und zerlegt die Mythen des Western. Da sitzen bärtige Halunken nachts am Lagerfeuer und schwadronieren über die Bedeutung ihrer Schusswaffen. Da heizt einer im Stil von George W. Bush dem Publikum ein. Auf der nächsten Leinwand landen Armeehubschrauber in einer ausgestorbenen Westernstadt. Subtil haben sich bei Rosefeldt die Filmbilder von stilisierter Männlichkeit ins Bewusstsein gefressen, bis sie sich in politische Aktionen umsetzen. Der lange Arm des Kinos reicht bis ins Weiße Haus. Doch den visuellen Verführungen des Western hat Rosefeldt nicht genug entgegenzusetzen. Die aufwendige Produktion schwächelt in der Dramaturgie, im Spiel und Ton. Vielleicht arbeitet der Künstler noch nach. Sonst bleibt diese Amerikanische Nacht ohne Spannung.

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