KUNST Stücke : Vexierspiele

Claudia Wahjudi lässt sich von Schwarz-Weiß-Malern entführen

Claudia Wahjudi

Wie viel Wirklichkeit, so lautet eine aktuelle Frage in der Kunst, darf es denn sein? So viel wie möglich, um dem wahren Leben näher zu kommen als die Massenmedien mit ihren zugespitzten Momentaufnahmen? Oder genau deshalb eher weniger? Zwei Berliner Künstlerinnen, die sich gut kennen, neigen zu Letzterem: Jenny Rosemeyer und Katrin Hoffert. Beide beteiligten sich an der Produzentengalerie Rekord in der Brunnenstraße, die Ende 2005 plangemäß schloss.

Jenny Rosemeyer stellt jetzt in der Galerie Magnusmüller aus (bis 14. Juli, Weydinger Str. 10/12). Sie zeigt neue Arbeiten – so groß, dass vier Fotocollagen, vier Wandobjekte und drei Skulpturen die weitläufigen Räume gut füllen. Das sieht ein bisschen aufgepumpt aus. Ihren Prinzipien aber bleibt Rosemeyer treu, vor allem ihrer Vorliebe für Schwarz und Weiß, die an die Zeit erinnert, in der Fotos trotz aller Retuschen noch als glaubwürdig galten, und die viele ihrer Arbeiten so existenziell wirken lässt. Über Pathos jedoch macht sich Rosemeyer lustig. Eine Eiswaffel aus Kunststoff, wie sie vor Cafés steht, hat sie schwarz gefärbt, einem Denkmal gleich auf einem Sockel platziert und „Familiengericht“ genannt (6000 Euro). Subtiler geht sie in ihren Collagen vor. Aus bunten Fundfotos baut die Malerin absurde Kombinationen in Schwarz-Weiß, fotografiert sie analog, fertigt aus den Abzügen neue Collagen, nimmt auch diese auf und so weiter – bis Schraffuren und Raster die Ablichtungen wie Zeichnungen aussehen lassen (3100 und 5500 Euro). Und plötzlich beginnen die Dinge zu tanzen, sehen Lampenschirme und Kissen wie angriffslustige Polizeihelme aus. Dass hinter der Wirklichkeit noch eine andere Realität lauert, behaupteten ja schon die Surrealisten.



Katrin Hoffert

ist zur Galerie Martin Mertens gewechselt, einer Ausgründung der Produzentengalerie Rekord (bis 14. Juli, Brunnenstr. 162). Hier präsentiert nun erstmals auch sie eine Serie in Schwarz und Weiß: zwölf Tuscharbeiten auf Papier, Variationen über Gegenständlichkeit und Abstraktion (je 1200 Euro). Fotos dienten als Vorlage für die Motive: Mal atmet eine Dame ganz realistisch in ein Inhaliergerät, mal bedrohen scharf umrissene Riesenblumen Waldarbeiter, die einen Baum zersägen oder taucht aus schwarzem Grund die weiße Silhouette eines Kinderkopfs auf wie auf einem Vexierbild. Trotz solcher Pointen wirken Hofferts Zeichnungen so ernsthaft und konzentriert, als wollten sie sagen: Die merkwürdigen Stimmungen hier sind wahrhaftig, diesen Bildern kann man trauen. Ganz anders als dem großen bunten Gemälde in Hofferts typischer Lasurtechnik an der Wand daneben. Es heißt „Das Volk“ (8300 Euro, verkauft). Hier wehen rote Flaggen im Wind – aber wer, bitte, schwenkt heute noch die rote Fahne? Offen bleibt, ob das Bild eine Szene aus kommunistischen Zeiten zeigt, eine Demonstration jüngst im linken Südamerika, einen Multikulti-Karneval oder eine Sport-Show? Mit Acryl, Öl und Filzstift, einigen Aussparungen und vielen Übermalungen hat es Hoffert unmöglich gemacht, das Abgebildete zu identifizieren und einen Sinn darin zu sehen. Das Fotodokument wird zur reinen Projektionsfläche – ähnlich den vielen undeutlichen Bildern im Internet. Doch bis man diesen tatsächlich gebührend misstraut, müssen sie wohl erst Malerei werden.

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