KUNST Stücke : Von allen Seiten

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Stillstand ist unmöglich. Die großen Stahlplastiken von Gisela von Bruchhausen verfügen nicht bloß über ein Volumen, das sich nach allen Seiten hin entfaltet. Sondern auch über potenzielle Perspektiven, die nur in der Bewegung sichtbar werden. Stählerne Platten falten sich auf, vollziehen Drehungen und wechseln abrupt die Richtung. Manche wirken wie leichthändig gefaltet, obgleich dafür viel Kraft notwendig ist. Flankiert werden sie von voluminösen Elementen, die Kurven oder harte Winkel bilden und von der Künstlerin gern zweifarbig gestaltet werden: grau auf der einen Seite, gebrochen weiß auf der anderen. Dank dieser industriell produzierten „Unfarben“ verwandelt sich das massive Material ein weiteres Mal und scheint an manchen Stellen vor der weißen Wand fast zu verschwinden. Das gilt für die additiven Arbeiten, die sich vom Boden der Galerie Tammen (Friedrichstraße 210, bis 4. Dezember) in die Höhe schrauben, ebenso wie für die Reliefs der Berliner Bildhauerin, die in diesem Jahr 70 geworden ist. Die gelungene Überblicksausstellung versammelt Arbeiten aus zwei Jahrzehnten (Preise: 580–40 000 Euro) und zeigt, wie souverän Gisela von Bruchhausen mit ihrem Werkstoff umzugehen versteht. Aus dissonanten Formen, die sich punktuell immer wieder miteinander verbinden, schafft sie rhythmische Figuren aus dem Repertoire des Abstrakten. Die Fläche, der Körper, das Volumen – diese Themen werden immer wieder variiert und gewonnene Einsichten mit in die nächste Arbeit genommen. Manche von ihnen führen Dialoge, indem sie konstruktive Details spiegeln. Immer aber sind die Figuren perfekt ausbalanciert – ganz gleich, aus welcher Perspektive man sie gerade sieht.

Galerist Werner Tammen kombiniert die Plastiken mit Bildern von Friedrich-Daniel Schlemme. Der ehemalige Meisterschüler von Volker Stelzmann hat sich auch nach seiner Zeit an der Berliner Kunstakademie mit figürlicher Malerei auseinandergesetzt und erst kürzlich zum ungegenständlichen Sujet gefunden. Nun dreht sich alles um die Kombination von Linien und Farben, Räumen und Flächen, die der 1967 geborene Schlemme immer neu und mit offenem Ausgang zusammenfügt. Auch seine Bilder kommen ohne jeden Rückbezug zur Wirklichkeit aus – das verbindet sie mit Gisela von Bruchhausens räumlichen Kompositionen.

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