KUNST Stücke : Von drüben

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Harlem und die DDR? Das Eingeschlossensein der Bewohner könnte eine Parallele sein – in Harlem durch soziale Barrieren, in der DDR durch die Mauer. Charif Benhelima, verwurzelt in der Tradition der street photography, arbeitete von 1999 bis 2003 im New Yorker Stadtviertel Harlem. Günter Rössler gilt als ostdeutscher Meister der Aktfotografie. Beider Werke sind in Berlin zu sehen: Benhelimas in der Galerie Michael Janssen, Rösslers bei Imago Fotokunst. Wie sie innerhalb ihrer begrenzten Bedingungen auf den menschlichen Körper schauen, gehört zu den fesselnden Momenten der Ausstellungen.

Bei Rössler scheint die Sache einfach: Wie soll einer, dessen Fotos im Playboy abgedruckt wurden, schon auf Körper schauen? Wohl eher voyeuristisch. Das aber greift zu kurz. Die Bilder des 85-Jährigen landeten 1984 wohl eher im westdeutschen Hochglanz-Magazin, weil die Blattmacher einen Blick auf die „Frauen von drüben“ werfen wollten. Für Rössler blieb es bei diesem einen Geschäft mit dem Playboy. Warum, das ist in der Imago Fotokunst Galerie (bis 19. März, Linienstraße 145) zu sehen. Auf über 30 Schwarz- Weiß-Fotos blicken die Frauen direkt in die Kamera, selbstbewusst aber nicht aggressiv wie etwa bei Helmut Newton. Eine natürliche Weiblichkeit, die ohne Accessoires auskommt: nur Licht und Schatten, hier und da ein Sofa, ein paar wogende Gräser oder ein plätschernder Fluss. Allerdings, die Fotokunst Rösslers scheint sich nicht sonderlich entwickelt zu haben: Ob Renate 1969 (900 Euro), Heidrun 1977 (unverkäuflich) oder Anja 1985 (900 Euro), er inszeniert sie immer gleich. Das heißt aber auch: gleichbleibend ästhetisch!

Um inszenierte Schönheit geht es Charif Benhelima nun wirklich nicht. Der marokkanisch-belgische Künstler beobachtete über einen Zeitraum von vier Jahren die afroamerikanisch geprägte Kultur Harlems. Seine auf Plexiglas gedruckten Polaroid-Fotos stellt die Galerie Michael Janssen (bis 19. März, Rudi-Dutschke-Straße 26) in unterschiedlichen Formaten aus, zu Preisen von 3800 bis 9600 Euro. In „Harlem on my mind: I was, I am dokumentiert Benhelima das Leben im Ghetto, reflektiert aber auch seine eigenen, schmerzhaften Momente, die er als Marokkaner in Belgien durchlebte. Auf Körper blickt er dabei flüchtig, nie bildet er sie komplett ab. „Nude“ etwa zeigt eine nackte, stark behaarte Frau nur bis zum Kopf – reduziert auf das, was sie einzig für ihre Umwelt ausmacht: ihren verbrauchten Körper. In Benhelimas trister, schwarz-weißer und grellroter Welt erscheinen die Menschen wurzellos und surreal. So völlig anders als die schönen DDR-Frauen.

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