KUNST Stücke : Wasserflecken

Kolja Reichert blickt in Hundepfützen und aufs offene Meer

Kolja Reichert

Ein Boot treibt auf offener See. Statt Segeln wehen die Kronen zweier Bäume im Wind, die aus dem mit Erde gefüllten Rumpf wachsen. Noch ist ein Streifen Küste in Sicht. Die Kamera ist selbst de Wellen ausgeliefert, sie schwankt, verliert das Schwesterboot aus den Augen, findet es wieder, blickt hinüber wie auf eine verlorene Seelenhälfte oder ein unerreichbares Versprechen. Wie lange treiben die beiden schon? Gibt es auch einen Hafen? Die Videoarbeit „Heritage“ ist Teil einer berückend poetischen Schau des 28-jährigen Brasilianers Thiago Rocha Pitta in der Galerie Andersen’s Contemporary (Invalidenstraße 50–51, bis 18. Oktober; Preise von 3500-20 000 Euro). In das Meeresrauschen und Möwenkreischen rumpelt plötzlich ein dumpfer Schlag. Er kommt vom Film „Inland Shipwreck“, der auf der anderen Seite der Wand zu sehen ist: Ein Loch in Bootsform tut sich in der Erde auf. Derselbe weiße Rumpf, der eben noch über die Wellen tanzte, wird hineingebettet. Erbarmungslos donnern Schaufelladungen mit Erde auf das Holz. Eine Bootsbeisetzung! Mit Film, Fotografie, Installation und Skulptur übt der junge Künstler einen beeindruckend unverstellten Zugriff auf große romantische Themen, auf Schicksalsschwere und Aufgehobensein in der Natur.



Einen munteren Kontrast dazu bildet die erste Berliner Ausstellung des Amerikaners Al Taylor bei Niels Borch Jensen (Lindenstraße 34, bis 15. November). Der 1999 früh verstorbene Künstler hat sich mit Landschaften ganz anderer Art befasst: Bei einem Gastaufenthalt in Paris dokumentierte er von seinem Balkon aus die Hundepfützen von Montmartre. Die vielfältig geformten Flecken der Aquatinta-Serie „Pet Stains“ versah er mit Namen prominenter Paare wie „Tom and Jerry“. Eine Ausnahme drängte sich der Form wegen auf: Kuba. Kleinste Banalitäten reizten Taylor zu akribischen Studien mit wissenschaftlichem Eifer: sei es ein Fliegenfänger, der Kopf einer Voodoopuppe aus Plastik oder ein Elvis-Foto in einer Zeitschrift. Dabei begriff er sich auch dann als Maler und Zeichner, wenn er mit Objekten im Raum arbeitete. Die Windungen des mit Plastikringen von Flaschendeckeln versehenen Schlauches finden sich in den dahinter hängenden Grafiken wieder, in verlaufender Tusche oder feinen tanzenden Strichen, die an Miró erinnern. Und das bunte Holzobjekt „Pool“, das den Weg einer Billardkugel nachzeichnet, wirkt noch durch die Schatten, die es an die Wand wirft. Al Taylor, dessen Arbeiten zwischen 1600 und 50 000 Euro kosten, wiederfuhr bislang vor allem von Künstlern Bewunderung, unter Sammlern galt er als Geheimtipp. Das könnte sich bald ändern.

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