KUNST Stücke : Weißer Duft

Thomas Wulffen weiß, in welcher Galerie es Schokolade gibt

Thomas Wulffen

Es musste so sein für diese Offenbarung. Seit Stunden schien die Stadt von einer besonders dunklen Nacht umgeben. Eine feuchte Kälte ließ den Abend unangenehm werden. Der Treffpunkt war ein Hinterhof am unteren Ende der Kurfürstenstraße. Eine Preview, ein Ereignis vor dem Ereignis. Auf dem Weg zum eigentlichen Ort durchquert man den Hof und sieht ein großes Fenster in einem Betonkubus, hinter dem sich zwei Personen bewegen. Unwillkürlich ruft einem die Szene Bilder aus Filmen von Antonioni in Erinnerung. Dann öffnet der geladene Besucher eine Metalltür – und nimmt zuallererst einen perfekten weißen Raum wahr, wie ihn Brian O’Doherty Anfang der siebziger Jahre in seinen Texten über den White Cube geschildert hat.

Die deutsche Übersetzung des später daraus entstandenen Buches trägt den Titel „In der weißen Zelle“. Und tatsächlich lassen die Dimensionen des Galerieraums von Sassa Trülzsch (Kurfürstenstraße. 12, bis 19. Januar, vom 24. 12. - 11. 1. 2008 geschlossen) den Kubus zur weißen Zelle werden. Die Galeristin nennt ihren Raum „Studio“, was mehr eine Arbeitssituation impliziert als eine Ausstellung, in der fertige Objekte zu sehen sind. In dieser Zelle hängt nun ein Objekt an der Wand. Es hebt sich von der Wandfläche erst ab, wenn man sich ihm als Betrachter wirklich zuwendet. Aus dem Augenwinkel heraus scheint es zu verschwinden. Eine leere Leinwand auf einem Keilrahmen, in einem Weiß, das nicht genau zu identifizieren ist: Ein Weiß mit einem Ton Vanille. Vanille?

Wer näher herantritt, dem offenbaren sich olfaktorische Qualitäten, deren Ursprung zuerst im Dunkeln liegt. Es mag sein, dass einen die Galeristin darauf hingewiesen hat, vielleicht aber war es auch die anwesende Künstlerin Karin Sander: Das Bild, das den Raum erfüllt, ist eine Skulptur aus weißer Schokolade. In dem Werk steht die plastische Form der Leinwand mit Keilrahmen im Vordergrund, und dennoch nimmt der Betrachter es als ein Gemälde ohne Inhalt war: in der weißen Zelle ein weißes Objekt, das sowohl Gemälde als auch Skulptur ist. Zur Ausstellung gehört eine Edition, die das Objekt der Begierde in verkleinerter Form multipliziert.

Das Werk kann unter Aufsicht in die Hände genommen werden, damit man dahinter blicken kann: Jedes Detail stimmt bis hin zu den Nägeln zur Befestigung der Leinwand. Ist der Blick der Künstlerin auf ihr Werk aber nun von Kontrolle oder von Enthusiasmus gesteuert? Als Betrachter will man sich nicht entscheiden und kehrt zurück zum Bild an der Wand. Und plötzlich sieht es so aus, als trage das Objekt die Wand und nicht umgekehrt die Wand das Objekt.

Vor der nächsten Ausstellung wird man sich an diese Umkehrung erinnern und sich wünschen, auch die anderen Gemälde trügen die Wand. Als man das Studio verlässt, sind alle Lichter der benachbarten Galerie ausgeschaltet, so als wollte sie sich bewusst nicht in Konkurrenz zu jener weißen Leinwand auf Keilrahmen gegenüber setzen.

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