KUNST Stücke : Wer kann länger?

Thea Herold nimmt sich Zeit für Videoprojektionen

Thea Herold

„A season of film“: Der Galerist Axel Lapp ruft eine eigene Jahreszeit aus und arrangiert bei axellappprojects sieben Videos zu einem chronologisch choreografierten Angebot. Zu sehen sind die Arbeiten von vier Künstlerduos plus drei Einzelpositionen. Aber das Screening läuft in einer Remise, die fünf Schritte breit ist und zehn Schritte lang. Es gibt nur eine Arbeit pro Abend. Wandfüllend und groß, wie es der Raum zulässt.

Solcher organisatorischer Purismus ist den Versuch sicher wert. Man findet einfach leichter in die jeweilige Bildsprache, den besonderen Soundcharakter oder die Erzählweise des jeweiligen Künstlers. Wenn etwa nach den rätselhaften Feuerwerkskaskaden und einer dramatischen Feuer-gen-Himmel-Performance von Nick Crowe und Ian Rawlinson die Flammen in „The Carriers’ Prayer“ verloschen sind, nimmt man sich gern noch Zeit für den Katalog. Oder man steigt dank eines mündlichen Hintergrundberichts ein in die nächsten Kapitel im breiten Werk des Liverpooler Künstlers Crowe. Auch für die Gemeinschaftsarbeit „Narratives of Desire“ von Jeanne van Heeswijk und Marten Winter ist es besser, sich Zeit zu lassen. Allein schon wegen der Werklänge. Und wer fragt, wie viel Zeit das Einwurzeln in fremdes Land, fremde Sprache und fremde Kultur kostet, der muss auch der Antwort Zeit geben. Das kann niemand in fünf Minuten klären.

Nach einem atemberaubenden Video wie dem der beiden Briten Sonia Boyce und David Bickerstaff bleibt man sowieso erst mal sitzen. Bei „For You, Only You“ ist man nur froh, dass es heute HDTV-Technik und Lautsprecher mit Seele gibt. So bekommt die Performance mit neun Stimmen immerhin den bestmöglichen, technisch brillanten Ausdruck. Trotzdem wünschte man sich, man sei dabei gewesen, als dieses gesungene Wunder aufgenommen wurde. Ein Moment, schon vorbei (Invalidenstraße 161, bis 5. April).



Ein paar Meter weiter auf derselben Straße erwartet einen in der

Galerie Duvekleemann

der media room von Jen DeNike. Hier läuft der mittlerweile dritte Teil von vier ebenfalls nacheinander stattfindenden Video-Shows. Zeit und Geduld für eine ruhige, präzise Beobachtung spielten schon beim Shooting die Hauptrolle, denn auch während der Aufnahmen verließ sich DeNike auf die Eigenzeit der Handlung. Reduktion pur: keine Probe, alles O-Ton und minimalistische Regie. Man sieht einfach zu, wie sich zwei Kerle, beides Laien, beim Hanteltraining vor einem Spiegel produzieren. „Dumb-bells“ heißt die Arbeit. Ihr Thema: Wer hält länger durch?

Irgendwie kennt man dieses böse und dennoch beliebte Rivalenspiel um Rang und Prestige. Und die dahinter lauernde Frage, wo die authentische Geste endet und das Posing beginnt. Die Videos laufen als Loop, es sind echte Never-Ending-Stories. Der Schluss allerdings ist nicht anders, als man ihn schon zu biblischen Zeiten beschrieb, auch wenn man ihn heute eben lieber per Beamer erzählt: Nicht jeder Gewinner ist automatisch auch der Sieger. Auch das klingt ziemlich aktuell (Video 2008, 4 positions of contemporary video art, Invalidenstraße 90, DeNike bis 1. März, danach Gabriel Lester, bis 22. März).

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