KUNST Stücke : Wie war das?

Claudia Wahjudi reist in Berlins jüngste Vergangenheit

Claudia Wahjudi

Wenn Kunstbegeisterte über das Berlin der frühen neunziger Jahre sprechen, schwärmen sie schnell von den improvisierten Ausstellungen in leeren Fabriken. Der Künstler Andreas Siekmann erinnert jetzt an ein anderes Phänomen dieser Zeit: an die Treuhandanstalt, die volkseigene Betriebe privatisieren sollte. In der Galerie Barbara Weiss schildert er die Geschichte der Anstalt chronologisch auf 21 großen Tintendruckblättern mit Piktogrammen im Stil des Kölner Progressiven Gerd Arntz. Stimmt, so war das damals. Währungsunion, der Mord an Detlev Karsten Rohwedder, der Hungerstreik der Bergleute aus Bischofferode, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Symbole, die er in seinem Bilderbogen ausgespart hat, setzt Siekmann in einer Installation raumfüllend in Szene: Fabrikhallen, mit der Hand aus Karton geschnitten, stehen für Stahl- oder Elektronikbetriebe, Männchen mit Schlips, flächig gemalt, für Unternehmer. Und in einem mechanischen Theater, dem Zentrum der Ausstellung, kreisen kleine Berater und Demonstranten um Fotos von damaligen Schauplätzen in Berlin. Das alles hält Siekmann in leuchtendem Rot, und diese Leidenschaft steckt an: Matthias Artzt oder Investitionshemmnisbeseitigungsgesetz – gern schlägt man Namen und Begriffe im bereitliegenden Glossar nach. Zeichen für Zeichen wird so aus blasser Erinnerung wieder jenes Wirtschaftsdrama aus Zufall und Absicht, Zeitläuften und Ereignissen, Lobbyinteressen, Zwängen und persönlichen Entscheidungen. Dazu quietscht leise das theatrum mundi. Der schiefe Klang ist eine schöne Metapher. Es wurde damals wohl auch geschmiert, doch wie geschmiert lief nichts (Zimmerstr. 88-91, bis 7. Juni).



Bei Yuri Leiderman rückt das Zeitgeschehen in den Hintergrund. Für die acht großen Bilder seiner Serie „From Third Millennium“ (2008) hat er Seiten internationaler Zeitungen zusammengeklebt und Suppe mit kleinstgeschnittenem Gemüse darübergekippt. Gleich Blütenstaub flirren nun getrocknete Möhren- und Lauchkrümel über vergilbte Artikel, die über die spanische Rentendebatte informieren oder Gesetze zur Regelung von Hochzeitskosten in Tadschikistan. Im Vordergrund aber hat Leiderman bunte, auf Papier gemalte Feld- und Wiesenblumen arrangiert. Galerist Gregor Podnar zeigt die neue Serie zusammen mit frühen Arbeiten des Schriftstellers und Künstlers, die kleine Schraffuren und meist abstrakte Zeichnungen mit obskuren Geschichtchen oder kaum entschlüsselbaren Gedankenblitzen kombinieren. Damals wie heute setzt Leiderman, der in Berlin und Moskau lebt, die individuelle Handschrift in Opposition zum Zeitgeist. Die kleinen Bild-Text-Arbeiten der achtziger Jahre entstanden auf Seiten von Normheften, wie sie Schüler in der ganzen Sowjetunion vollschrieben. Mit dem Rekurs auf seine Anfänge sucht Leiderman nach neuen Wegen jenseits seiner Installationen und Performances späterer Jahre zu Begriffen wie Nation oder Ethnie. So, wie er den Schubladen der Politik misstraut, so skeptisch steht er denen des Kunstbetriebs gegenüber. Er will sich entziehen und weiß doch, dass es letztlich nicht möglich ist. Am Fenster steht eine Skulptur aus Draht: Da führt eine Libelle einen Hund spazieren. Geht nicht? Man wird das Unmögliche doch mal denken dürfen (Lindenstr. 35, bis 21. Juni).

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