KUNST Stücke : Wildwüst

Berlin, heißt es ja immer, sei eine grüne Stadt. Aber wer wirklich einmal spüren will, was der Anblick von Natur auslösen kann, der muss sich aufmachen und Galerien besuchen.

Anna Pataczek

Stolz ragen die Baumstämme in den Himmel. Bis zu drei Meter hoch sind die grobkörnigen Schwarzweiß-Fotografien des Koreaners Bien-U Bae die die neue Galerie Aando Fine Art in ihrer Eröffnungsausstellung zeigt (Tucholskystraße 35, bis 8. Mai). International bekannt wurde Bae, der wohl bedeutendste Fotokünstler Koreas, durch seine meditativen Landschaftsaufnahmen (30 500- 50 000 €). Baes fotografische Methode hat eine ganze Generation jüngerer Künstler beeinflusst, die bei dem 1950 Geborenen in Seoul studierten. Er inszeniert Kiefernwälder zu Zauberwäldern – zu „Sacred Woods“. Und er hat alles im Blick: Die Tiefe des Raumes einer Waldlichtung inszeniert Bae genauso sorgfältig und sinnlich erfahrbar wie die Oberflächenstruktur von Rinden. Die Furchen der scharfkantigen Kiefernstämme werfen tiefe Schatten. In den Baumreihen, die sich wie in einem Aquarell grau schattiert hintereinander staffeln, verfängt sich der Nebel. Kiefernnadel wirken wie hingetupfter Flaum. Manches erinnert an Tuschemalerei. Es sind Landschaftsbilder, in denen das Auge Ruhe findet .

Ganz anders der deutsche Fotograf Thomas Wrede. Seine Naturbilder „Real Landscapes“ in der Galerie Wagner und Partner (Karl-Marx-Allee 87, bis 25. April) sind dazu da, das Auge zu irritieren. Wrede fotografiert Häuser und Autos, eingebettet in Panoramen von Stränden, Schluchten oder Wüsten, unter weiten Horizonten und hohen Himmeln (4900 bis 12 000 €). Aber etwas stimmt nicht mit diesen Landschaftsaufnahmen. Nicht nur, dass sich der Betrachter fragen muss, ob es wirklich ein Fußballfeld mit Flutlicht mitten in der Wüste gibt. Da präsentiert ein Fotograf ein Stück wilder oder pittoresker Natur – und dennoch wird man den Eindruck von Künstlichkeit nicht mehr los. Dahinter steckt ein handwerklicher Trick: Wrede setzt echt aussehende, detailverliebte Modelle von Strandhotels oder Campingmobile in die Dünen oder Felsen und verschiebt so die Proportionen. Die Natur wirkt übermächtig. Das Allerweltspostkartenmotiv, das dem Betrachter so angenehm vertraut schien, bekommt etwas Bedrohliches. Wenn Bien-U Bae mit der Magie der Landschaftsfotografie spielt, dann nimmt sie Wrede ihr wieder weg.

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