KUNST Stücke : Wunderwahr

Vinzenz Weidner

Lärm dröhnt im Künstlerhaus Bethanien, lautstark thematisiert die Ausstellung „The Weird Age“ das Verhältnis zwischen moderner Musikkultur und ihren medialen Erscheinungsformen (Mariannenplatz 2, bis 24. Februar). Geschwungene Bahnen aus Schallplatten bilden eine überdimensionierte Rennstrecke, die vom Zuschauer mittels ferngesteuerter Autos befahren werden kann. Das Getöse, das von hier ausgeht, dominiert das Ausstellungserlebnis. Dazwischen hallt es verzweifelt aus verschiedenen Räumen, immerhin geht es hier nicht nur um Medien als Informationsträger, sondern auch um ihre Erzählformen. Sie sind überfrachtet mit Symbolismen, deren inflationäre Verwendung ihre Erscheinung wieder erkennbar und so bisweilen stereotyp macht. So zeigt Tabor Robak einen Zusammenschnitt von Explosionen, die aus verschiedenster Footage zusammengeschnitten wurden, melodisch untermalt durch das redundante Gequengel von Polizeisirenen. Einen Raum weiter parodieren mehrere Bildschirme die Ladeanzeige, die dem Besucher der Videoplattform YouTube unverhofft immer wieder entgegenflimmern. Der Kreis wird durch seine variierenden Bearbeitungen als markentypisches Symbol etabliert, er verheddert sich in seiner Drehbewegung.

Der Frage nach den Darstellungsmöglichkeiten räumlicher Grenzen im Video geht ein Filmscreening in der Galerie Wentrup (Tempelhofer Ufer 22, bis 28. Februar) nach. Acht Videos erzählen und interpretieren die Grenzen zwischen Rezipient und Rezipiertem, zwischen Traum und Wirklichkeit. Im „Anniversary Waltz“ lässt David Adamo einen Mann durch einen nebelverhangenen Raum tanzen. Er tanzt hinaus und hinein, der Raum scheint sich zu drehen, oder dreht sich bloß der Tänzer? Alimpiev inszeniert die Zuschauer einer Inszenierung, die im Film nicht gezeigt wird. Vielmehr erleben wir choreografierte emotionale Reaktionen der Masse, Räumlichkeit konstituiert sich atmosphärisch durch dieselbe Blickrichtung der Zuschauer. Mathilde ter Heijne zeigt fragmentarisch Teile eines Körpers, der immer wieder mit den Wänden eines Raumes zu verschmelzen scheint. Hier knirschen die Realität des Rezipienten und die Virtualität des Rezipierten merklich ineinander. „The Sad Bunny Dance“ von Lisa Junghanß spielt mit den Grenzen zwischen dem Dargestellten und der Imagination. Ein Stofftier wird im Stop-Motion-Verfahren wie in einem wilden Tanz durch die Gegend geschleudert. Der Rezipient reichert die Stakkato-artigen Bilder an. Nevin Aladag schickt Tänzerinnen in die Weite einer Dachterrasse, die nur ein dünnes Geländer umzäunt. Man sieht sie beim Tanzen zu Musik, im Klang ihrer Schritte, man sieht sie tanzen ohne Ton. Die Filmscreenings beweisen, dass erst die Beobachtung und Rezeption das Kunstwerk Video vollständig machen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben