KUNST Stücke : Wurfgeschosse

Jakob Wais

Die Galerie Barbara Wien (Linienstraße 158, bis 3. Dezember) ehrt den 2007 verstorbenen Ludwig Gosewitz und rekonstruiert die letzte vom Künstler eingerichtete Ausstellung. Sie umfasst Werke (300– 26 000 Euro) ab 1962 bis zu dessen Tod. Dass die Räume auch die Buchhandlung beherbergen, verhilft den Arbeiten zum passenden Rahmen. Zwischen den Büchern entfaltet sich die Poesie der Wurftexte, die Wörter stehen wie sie fallen. Zufall wird zum System. Der Charme seiner frühen Werke blitzt auf, wenn Gosewitz illustriert, wie ein Kamel doch durchs Nadelöhr passt. Bis heute gilt er als einer der führenden Köpfe des Fluxus. Ab 1971 arbeitete der Künstler auch mit Glas und nahm sich dabei jene Freiheit, auf die er beim mathematisch genauen Denken und Zeichnen verzichtete. Leider werden die weich und formbar wirkenden Gefäße (500–1500€) in einer kleinen Vitrine versteckt. Viel Raum gibt die Galerie dagegen den späten astrologischen Diagrammen und Zirkelkonstruktionen. Mit penibler Genauigkeit hat der Künstler sein Farbenspiel aus klassischen Farbkreisen erarbeitet. Bei genauem Hinsehen erkennt man eine Vielzahl kleiner Löcher von Zirkelnadeln. Hier wird der Aufwand deutlich, den Gosewitz betrieb, um die Kunst im herkömmlichen Sinn zu entlarven.

Bei Paula Doepfner werden Steine zu Wurfgeschossen. Dem Besucher eröffnet sich ein karges, rohes Bild. Wer die Galerie Tanja Wagner (Pohlstraße 64, bis 15. Januar) betreten möchte, muss durch dichtes Gestrüpp steigen. Dahinter hängen feine Zeichnungen auf Japanpapier. Im nächsten Raum sammelt ein Metallbassin das Schmelzwasser eines Eisblocks, der am Ausstellungstag von der Decke hing. Die UdK-Absolventin verwendet Materialien in verschiedensten Aggregatzuständen, um damit die Ambivalenz zwischen der Idee und der Realisierung eines Entwurfs zu zeigen. Fertige Arbeiten kosten zwischen 1100 und 6500 Euro. Geäst und Wasser verströmen einen sumpfigen Geruch. Eine weiße Wand hat die Künstlerin spontan mit Hammer und Schraubenziehern bearbeitet und darüber erdige Farben verschmiert. Als wären sie just von der Wand abgeprallt, liegen davor kantige Lavastein-Skulpturen. Man möchte selbst einen der Steine packen und mit Wucht gegen die Wand stoßen. In einer Videoinstallation kann man Doepfner bei der Arbeit beobachten. Zwei Monitore, die sich gegenüberstehen, zeigen die junge Berlinerin im Dialog mit einem Kontrabass-Spieler. Räumlich getrennt vertont er, wie sie, die Augen verbunden, mit Händen, Füßen und Mund Kreidespuren an die Wände zeichnet. Die Künstlerin verdeutlicht, wie unterschiedlich Materialien wirken können. Kleine Äste verbindet sie zur unüberwindbaren Barriere. Das Gletschereis ist majestätisch, die Pfütze auf dem Boden davor bemitleidenswert.

Am 17. Dezember lädt die Galerie um 19 Uhr zu einem Gespräch mit Paula Doepfner, Timotheus Vermeulen und Robin van der Akker ein.

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