KUNST Stücke : Zeit der Wölfe

Jens Hinrichsen traut sich in unbehagliche Zimmer

Jens Hinrichsen

Der kleine Paul speit. Ohne Ende. Erst läuft das Zimmer voll, dann versinkt die ganze Welt in Pauls ozeanischem Mageninhalt. Macht nichts. Um diese Welt der Menschenfresser und Kinderschänder ist es nicht schade. Gut, dass aus der Ursuppe Neues wächst. Schlecht, dass bald wieder alles beim Alten ist. „Der große Paul und der kleine Paul“ in diesem Bilderbuch sind identisch (20 Euro).

Michael Kalmbach ist vor allem ein begnadeter Aquarellmaler. In der Galerie Wohnmaschine gestaltet er ein surreales und brutales „Kinderzimmer“. Die Tapete nach Aquarellvorlagen wirkt nur auf den ersten Blick nett. Auf den zweiten entdeckt man die schwarze Pädagogik hinter den symmetrischen Tableaus: Kinderköpfe stoßen zusammen, zarte Ohren werden langgezogen (Grundpreis: 3000 Euro, jeder Tapetenmeter kostet extra). Auch die Hampelmänner nach Kindchenschema, die Kalmbach konstruiert und liebevoll bemalt, sind an einem Ohr aufgehängt und gucken, als wären sie längst dran gewöhnt. Wer am Bindfaden zieht, fühlt sich trotzdem schuldig (1200 – 2800 Euro). Auch die gerahmten Aquarelle an den Wänden (1250 Euro) sind Tragikomödien, etwa die Mär vom Knaben, der die Erde verschluckt hat. Schwere Kindheit, Kugelbauch. Stilistisch disparat ist die Mischung von skurrilen Pappmachéfiguren und kühl konstruierten Kindermöbeln geraten. Michael Kalmbach spielt seine Stärken auf der Fläche aus, nicht im Raum (Tucholskystraße 35, bis 22. Dezember).

Der Maler

Jakob Roepke

– Jahrgang 1960 – bleibt auf jeden Fall bei seinen Leisten. Und sozusagen darauf, denn seine kleinformatigen bemalten Collagen sind in der Galerie Jarmuschek und Partner in Augenhöhe auf Profilleisten gestellt, statt gehängt. Eine gute Idee: Rahmen würden diese farbstarken Nachtstücke auch gar nicht vertragen. Vor zehn Jahren fing Roepke diese Serie an, eigentlich nur, um sich von der Arbeit an seinen abstrakten Großformaten zu erholen. 600 Täfelchen sind inzwischen entstanden, knapp 60 sind in der Ausstellung „Zimmerwolf und Budenkoller“ zu sehen (je 200 Euro). Jede dieser klaustrophobischen Zimmeransichten ist eine Welt für sich, eine Miniaturbühne. Die Kulisse entwickelt Roepke aus Geschenkpapier, deren Muster und Farben die Grundstimmung für die Inszenierung vorgeben.

Es spielen: Vorturner, die Roepke aus Yoga- oder Jiu-Jitsu-Büchern ausschneidet. Aus diesem offenbar ganz beschaulichen Leben der Marionetten will keiner der stocksteifen Gesellen entfliehen. Auch wenn Roepke mehrere Figuren ins Quadrat klebt, bleibt das Personal somnambul, vereinzelt, wie im Traum gefangen, reitet rücklings auf wilden Wölfen oder schläft im Stehen, in merkwürdigen Holzgerüsten verkeilt. Manchmal bringt Roepke mit fein geführtem Pinsel rätselhafte Lichterscheinungen ins Spiel. Gibt’s doch ein Leben jenseits der Bude? All den eingepferchten Yogis und Japanern scheint Transzendenz eher schnuppe zu sein. Sie bleiben dumpf sogar da, wo ihnen das Wasser bis zum Hals steigt. Wasser? Oder ist Paul schon wieder übel geworden? (Sophienstraße 18, bis 12.Januar)

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