KUNST Stücke : Zugenäht

Michaela Nolte

Fast ist er während der Bush-Ära in Vergessenheit geraten, nun scheint der amerikanische Traum mit dem neuen US-Präsidenten wahr geworden. Marc Räder beleuchtet diesen Traum hinter reinlichen Fassaden, auf Parkplätzen und in paradiesischen Landschaften. Genauer: Er lässt ihn in seinen Fotos verschwimmen. Wenn über den Dächern einer Kleinstadt nahe San Diego („Neoscanscape“, 4500 €) nur zwei, drei Giebel scharf aus der diffusen Umgebung ragen, ersteht die Realität als Modellbau-Kulisse. Ob es diese Häuser, die Strände oder Hügellandschaften wirklich gibt, bleibt in der Schwebe. „Californication“ heißt die Ausstellung in der Galerie Berinson (Lindenstraße 34, 28. Februar) – in Anlehnung an einen Song der Red Hot Chili Peppers. Der 1966 geborene Fotograf nähert sich den Fragen nach Fiktion und Realität mit gezielter Unschärfe. Mit verschiedenen Brennweiten verwischt er alltägliche Situationen und unspektakuläre Details und fordert so die Wahrnehmung heraus. Wie eine großformatige Urlaubserinnerung wirkt „mex/us border, tijuana“ (8500 €). Nur der Grenzzaun, hinter dem selbst das Meer abgeriegelt scheint, stört die luzide Idylle. Menschen versuchen hindurchzuschauen oder stehen ziellos herum. Touristen, die die makabere Grenze bestaunen? Oder doch Flüchtlinge, für die der amerikanische Traum auch weiter pure Illusion ist.

Nahezu alle Jazz-Größen hat die Foto-Reporterin Susanne Schapowalow ab den fünfziger Jahren porträtiert: Louis Armstrong, Sarah Vaughan, Nina Simon oder Nat King Cole, auf und hinter der Bühne oder bei der Probe. Mit Chet Baker und Quincy Jones schloss die 1922 geborene Berlinerin Freundschaft, und so zeugen ihre klassischen Porträts von respektvoller Nähe. Nur manchmal merkt man den Aufnahmen (Preise von 1100-3500 €) ihre Fokussierung auf das Gesicht, auf den abdruckbaren Ausschnitt für die Zeitung an, wenn ein Detail nicht spannungsvoll, sondern beiläufig abgeschnitten wirkt. Schapowalows Stärke sind die Live-Konzerte. Hier strahlen die Stars schnörkellos im schwarzen Raum. Wie bei dem Auftritt der Dietrich in Edinburgh: Die Diva im weißen Abendkleid scheint aus dem Dunkel aufzusteigen. Weder das Publikum noch der Saal ist sichtbar; und doch glaubt man Applaus zu hören. Parallel zeigt die Galerie Camera Works (Kantstraße 149, bis 28. Februar) Tango-Geschichten von Esther Haase. Die ausgebildete Tänzerin und Künstlerin fotografiert für Hochglanzmagazine und inszeniert ihre Fotografien (1600 - 6000 €) mit ‚echten'' Tänzern und mit Models. Genau an dem Punkt aber bleiben sie an der Oberfläche: schöne Menschen, schöne Körper. Doch die Leidenschaft in den Bewegungen wirkt ausgestellt, und die Erotik prallt an Korsagen und Strumpfnähten ab.

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