KUNST Stücke : Zwittergräser

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Ein kleines, oktogonales Objekt aus Plexiglas zieht den Blick magisch an. Ein bisschen so, als sei man ein Kind, das seine Nase an einer Schneekugel plattdrückt. Vor den Augen eröffnet sich eine Miniatur-Landschaft. Mystisch, poetisch. Man kann sich nicht sattsehen. Mit ihrer Arbeit „Ohne Titel. Achteckiger Kubus (Landschaft)“ hat Friedrike Klotz eine Mini-Utopie erschaffen. In der kleinen Biosphäre tummeln sich fantastische Gewächse auf einem sandigen Boden, die je nach Verlagerung der Perspektive andere Formen annehmen. Und wer ganz genau hinsieht, der kann sogar ein paar Miniatur-Menschen ausmachen, die sich ihren Weg durch die Landschaft bahnen.

Landschaft ist das Stichwort der Galerie M + R Fricke (Invalidenstraße 114, bis 27. Oktober), die eine Ausstellung mit vier Positionen zum Thema zeigt – Malerei, Zeichnung von Pauline Kraneis und Flavio de Marco, Objektarbeiten und einer Videoinstallation (Preise: 400 für Unikate- 10 000 Euro). Die Videoarbeit stammt von der Berliner Künstlerin Sophia Pompéry. „Stills aus Kreide (Cirruscumulus)“ zeigt im Loop eine Art Leinwand, auf der ganz langsam eine sich wandelnde Wolkenlandschaft vorbeizuziehen scheint. Auch Pompérys Arbeit mutet magisch und poetisch an. Die Künstlerin, die sich immer wieder mit der Poesie von physikalischen Prozessen beschäftigt, hat für diese Arbeit Kreide in Wasser aufgelöst und den Auflösungsprozess gefilmt.

In der noch jungen Zhong Galerie für aktuelle chinesische Kunst (Koppenplatz 5, bis 7. November) geht es ebenfalls um Landschaft. Hier allerdings nähert sich Galeristin Jiangnan Wang dem Thema mit einer Einzelausstellung. „I am the Landscape“ heißt die Schau des chinesischen Künstlers Wang Yabin. Und die Landschaft ist bei ihm vor allem floral, pittoresk und verträumt, dabei aber dennoch nüchtern und in gedämpften Farben. Das großformatige Werk „Welcome Pine No. 1“ von 2012 (Preis auf Anfrage) beschreibt einen geometrischen Raum, in dessen Mitte eine Blumensäule wächst. Zwischen Blüten, Knospen und Ästen verstecken sich kleine Gesichter von Frauen. Teils verträumt, teils verzweifelt blicken sie in den Bildraum. Die Farben sind matt, fast wirkt es, als hätte Yabin – wie in den späten sechziger Jahren schon der US-amerikanische Künstler Ad Reinhardt – seinen Farben mit Terpentin die Brillanz entzogen.

Wang Yabins Landschaften sind fragil und zerbrechlich. Seine Landschaften sind aber auch klein, diffizil und verworren. So bemalte er für die Serie „I am the Landscpae No. 1-16" (Preis auf Anfrage) kleine Holzblöcke mit dick aufgetragenen Pastelltönen. Zwischen den Landschaft- und Stadtaufnahmen sind Collageelemente eingebunden: Bilder von chinesischen Filmstars der achtziger Jahre. Landschaft ist bei dem 1974 geborenen Wang Yabin immer auch mit dem Menschsein verbunden. Galeristin Jiangnan Wang erklärt den Grund: „Das chinesische Wort für Landschaft heißt ‚fengguang', ein sehr vielschichtiges Wort, das auch für Personen benutzt wird, die berühmt oder in aller Munde sind.“

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