Kultur : Kunst: Torfstecher

Oliver Heilwagen

Den alten Traum von der Welt als Malgrund erfüllt sich Wolfgang Tiemann. Außer Leinwänden bemalt der bei Hannover lebende Künstler auch so exotische Bildträger wie Torf und Druckpapierrollen. Eine Retrospektive seiner Arbeiten aus dem vergangenen Jahrzehnt ist nun im Foyer der Niedersächsischen Landesvertretung zu sehen (In den Ministergärten 10, bis 15. April). In der aseptischen Atmosphäre des spiegelblanken Stahl- und Glaswürfels wirken seine mit Historie gesättigten Werke wie ein Einbruch der Geschichte in die Nutzarchitektur der Gegenwart. Einflüsse von Tachismus und Informel und Anspielungen auf längst Vergangenes kombiniert Tiemann zu einer zwischen Abstraktion und Archaik changierenden Bildsprache, die an Anselm Kiefer gemahnt. Mit dem großen Mystagogen der deutschen Malerei verbindet ihn ebenfalls die Vorliebe für Riesenformate. Für den Ökologie-Pavillon der Expo stach Tiemann mannshohe Torfscheiben und trug Motive der Höhlenkünstler von Lascaux und Altamira auf. Daneben hängen fünf Meter hohe Papierbahnen voller Schriftzeichen der wichtigsten Weltkulturen. Tiemann bedruckte sie mit Hilfe einer Dampfwalze und installierte sie jüngst im mittelasiatischen Samarkand: zur Erinnerung an den 1250. Jahrestag einer Schlacht, nach der gefangene chinesische Papiermacher ihr Know-how an den Westen weitergaben. Inmitten der Zweckbauten der Berliner Republik ist das ein fremd wirkendes Menetekel: eine Erinnerung an die Zivilisation, aus der alles einmal entsprang.

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