Kunst über die RAF : Rot sind alle meine Farben

Die Berliner Künstlerin Brigitte Waldach interpretiert in ihren Bildern die RAF für sich neu - und das sehr erfolgreich. Eines ihrer Werke wird nun in der Vattenfall-Lobby im Hauptbahnhof ausgestellt.

von

Die RAF in der Austernbar. Ganz geheuer ist das auch Brigitte Waldach nicht. Dennoch willigte die Künstlerin ein, ihre Zeichnung mit dem Titel „Famous“ in der Vattenfall-Lobby des Berliner Hauptbahnhofs zu zeigen. Nun hängt ihr feuerrotes Diptychon mit dem liegenden Stern und den Zitaten aus den Briefen Gudrun Ensslins aus dem Hochsicherheitstrakt an die Schwester in Blickweite von Restaurantbesuchern, die Champagner schlürfen und sich Meeresfrüchte schmecken lassen, während sie auf den Zug warten.

Die Bilder der Berliner Künstlerin vertragen das. Stets präsentieren sie eine hochästhetische Oberfläche, die den Betrachter sofort in Bann zieht. Intuitiv erfasst er die filmischen Posen der dargestellten Personen. Hinzu kommen die intensiven Rottöne, in denen auch die Textwolken geschrieben sind: Colour sells.

Rot ist das Markenzeichen von Brigitte Waldach, auch wenn in ihrem Weddinger Atelier gerade Tannen im schönsten Grün an der Wand hängen. Wer einmal eine der Zeichnungen gesehen hat, vergisst ihren präzisen Strich, die klare Farbe, die eingängigen Typen im abstrahierten Comicstil nicht mehr. Wie jener amerikanische Sammler, der in der Berlinischen Galerie die Rauminszenierung der Baselitz-Schülerin bewunderte und sie einen Tag später auf der Londoner Kunstmesse Frieze sofort wiedererkannte: die Frau mit Rot.

Die gebürtige Berlinerin hat nicht nur ein Faible für kräftige Farben und starke Szenen, sondern auch für virulente Themen. Viele ihrer Arbeiten kreisen um die RAF. Wie kannst du das in die Kunst ziehen, wurde sie gefragt? Benutzt du das nicht nur als Kick? Verfestigen sich dadurch nicht die Klischees? „Als Künstlerin darf man nicht ängstlich sein. Ich muss meinen eigenen Punkt finden“, sagt die 44-Jährige. Den hat sie bei ihrer Beschäftigung mit Gudrun Ensslin schnell entdeckt. Auch die Pfarrerstochter studierte Germanistik; beide interessierten sich für Wittgenstein und Kafka.

Den Anstoß zur Beschäftigung mit der späteren Terroristin aber gab Margarethe von Trottas Film „Die bleierne Zeit“. Ähnlich wie sich Andres Veiel nun in „Wer wenn nicht wir“ für die Phase vor dem Ausbruch der Gewalt interessiert, geht es auch Waldach um die persönlichen Hintergründe, den Menschen jenseits des Mythos. Sie isoliert ihre Protagonisten, stellt sie mit hängenden Schultern in den leeren Raum, die Köpfe stecken in Wörterwolken. Nur Fragmente sind nach dem manischen Überschreiben noch lesbar, Gedankenfetzen. Die RAF wird nicht zum Pop-Phänomen wie so oft bei der Beschäftigung junger Künstler mit der Terrorgruppe sondern sprachbildlich verarbeitet.

Gerade hat sich die Zeichnerin einem neuen Thema zugewandt, das ebenfalls Widerstände auslöst. Wieder ist es ein Film, der sie inspiriert: Lars von Triers „Antichrist“ mit Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle. Waldach interpretiert sie als Erlöserfigur, nicht als Opfer. Ihrem dänischen Galeristen Bo Bjerggaard behagte das Thema zwar keineswegs, doch nahm er ihre Zeichnungen mutig mit nach Miami zur Kunstmesse. Erneut siegte die Verführungsmacht der Bilder. „Die Menschen bleiben wegen der Oberfläche stehen, doch dann kommt das andere hinterher,“ erklärt Brigitte Waldach ihre Strategie. Wie schon auf dem Art Forum in Berlin verkaufte Bjerggaard die Bilder bestens, kurz darauf auch auf der Armory Show in New York.

Waldachs Handschrift fällt nicht nur in Kunstkreisen auf, auch der Film hat sie entdeckt – zuletzt klopften zwei Regisseure bei ihr an. Der eine will sie für seine Filmsets engagieren, der andere als Beraterin gewinnen. Der Künstlerin sind solche Annäherungsversuche nur recht, denn im Kopf sei sie selbst „Filmemacherin“, sagt sie. Für eines der Projekte arbeitet sie mit Fotografien der Schauspielerin Fritzi Haberlandt, die sie in einem verlassenen Speicher als somnambule Kindfrau im rot plissierten Kleid agieren ließ. Auf den Zeichnungen, die nach der Fotosession entstanden sind, ist wieder eine einsame Gestalt in leeren Räumen zu sehen. Das ist virtuos inszeniert und weckt zugleich den Beschützerinstinkt. Ob es daher kommt, dass 80 Prozent ihrer Sammler männlich sind? Waldach scheint das zu amüsieren. Ihre Bilder wissen sich zu wehren mit einer besonderen Widerständigkeit.

Vattenfall-Lobby, Hauptbahnhof Berlin, Europaplatz 1, bis 29. 3.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben