Kunst und Kritik : Der Kritiker als dritter Gott

Alfred Kerr schleuderte Blitze, seine Nachfolger sind zahm geworden. Kunst und Kritik: Die Geschichte einer Hassliebe.

Hubert Winkels
Trish Brown
Im Maschinennetz der Kunst -Foto: ddp

Man sagt gerne, Alfred Kerr habe in seinem Größenwahn die Kritik, nein: seine Kritik, der Dichtung gleichgestellt; doch es geht noch höher, weiter, besser: Die Kritik, gibt Kerr zu verstehen, sei der Dichtung gar überlegen. Er hat dafür auch eine schöne quasireligiöse Begründung: Dem Schöpfer des Himmels und der Erde folgen die Künstler als irdische Schöpfer nach, die das Gewordene deutend erst vergegenwärtigen. Diesen daseinsdeutenden Zweitschöpfern wiederum gilt die vergegenwärtigende Deutung des Kritikers, der so am Ende nicht einer Verwertungskette, sondern der kosmischen Schöpfungskette selbst steht.

Mithin ist der Kritiker der Gegenschöpfer, also gottgleich. Der Kritiker ist ein dritter Gott, ein deus tertius et ultimus am anderen Ende des Universums. Und die Künstler und Literaten: Weltkinder in der Mitten bestenfalls. Das klingt so abwegig in Zeiten der journalistischen Dienstleistung, dass man es kaum zu zitieren wagt, ohne ein historistisch-nachsichtiges Lächeln voranzuschicken. „Die Kritik ist in dieser Welt das Oberste“, sagt Kerr, „wenn sie auch Kunst ist.“

Doch so einfach ist die Sache leider nicht. Ungestraft hält sich kein Kritiker mehr für einen deus secundus oder tertius. Im Gegenteil: Staunend steht man vor dieser Selbstpromotion. Welcher Wille wurde geweckt, zum Machen, zur Macht, zu Höhe, zur Hoheit? Welcher sprachliche Furor auf engstem Raum wurde dadurch möglich, welche Verdichtung, welche Apodiktik? Was für ein grandioses Gebell: mit dem Theater gleich die ganze Welt im Schwitzkasten und feste zugedrückt! Hauptmann und Ibsen – die größten Tendenzen des Zeitalters, doch dies dank der Peitschenhiebe der Kritik, seiner Kritik. Kerr lesen – und da kommt eigentlich nur noch sein Wiener Widersacher Karl Kraus mit – heißt, sich einer kalten Ekstase auszusetzen.

Warum geht uns der weltbewegende, ekstatisch-grandiose, größenwahnsinnige Anspruch der Kritik heute ab? Warum sind wir bescheiden und vernünftig und bedienen unser Publikum und nehmen uns selbst zurück? Gegenfrage: Für was hätten wir denn mit dem Einsatz aller Mittel zu kämpfen? Gegen wen hätte man – wie der Davidsbündler Kerr – seine Steine mit aller Kraft zu schleudern? Welche ästhetischen Inszenierungen wären mit der politischen Macht derart verkoppelt, dass sich ethische und ästhetische Auflehnung wie von selbst verbänden? Was geht uns triftig, schmerzlich wirklich an – außer wir uns selbst?

Kerr wie vor ihm Fontane arbeiteten sich zu ihrer Zeit ab am falschen Klassikerpomp des Kaiserreichs. Tucholsky und Jacobsohn und Ihering an der Militarisierung des zivilen Lebens, am ästhetischen Monumentalismus, am bourgeoisen Kulturfrömmlertum. Immer war da eine Hydra aus Ethik, Politik und Kunst, die sich als Feindbild modellieren lässt: nach dem Zweiten Weltkrieg der überlebende Schwulst in Verbindung mit der Verdrängung der deutschen Schuld im Leidenspathos. Dann die Vergessensseligkeit der Aufbau- und der Wirtschaftswunderjahre, gegen die sich eine halbe Hochkultur in Stellung bringen konnte. Dann der Angriff auf die Hochkultur im Namen eines Antikapitalismus, der gleich die gesamte Kultur als bürgerliche Anpassungsleistung denunzierte. Dann die Kritik am linken Dogmatismus, der die Kunst aufgefressen hätte. Und das Ganze verschärft durch einen politischen Systemgegensatz. Wie viel Stoff für Erregungen und Exaltationen, für Gräben, Feindschaften, für aggressiv gespitzte Lüste!

Doch so ging es nicht weiter. Es gab die Kreuzigung von Schweinehälften und die Kreuzung von Maschinenkunst und grammatischer Libertinage. Doch indem es das alles gab und auch sein Gegenteil, indem sich die Provokation erschöpfte und die Reaktion sich der gegnerischen Mittel bediente, indem Subversion, Konversion und später die Coverversion – das postmoderne Zitatenspiel – den Kampf der Binnenkulturen beerbte, mit dieser Normalisierung der Spannungsverhältnisse, der Ausdifferenzierung der Künste und Genres und Haltungen verschwand eben auch die besondere Leidenschaft, die aus schierem Gegensatz oder vorbehaltloser Bejahung stammte.

Heiner Müller, der mit seinem postkommunistischem Geschichtsfatalismus eine ganze Generation zum Schäumen hätte bringen müssen, wurde in einen Revuechoreografen verwandelt und in westlichen Avantgardezirkeln, im poetischen Elitediskurs, in Dekonstruktionsseminaren und im traditionslinken Milieu des Ostens gleichermaßen beliebt. Zwar wurde mit dem Mauerfall 1989 noch einmal moralischer Überschuss in der ästhetischen Debatte beschrien, doch am Ende reichte es nur zu kleinen Aufrechnungen.

Seitdem sind wir nur noch schwach gebunden, dafür frei und äußeren Rat los. Ein paar Schimären noch, die wir lustvoll beschwören: das Reaktionäre bei Botho Strauß und neuerdings bei Martin Mosebach, ein bisschen Katholizismus bei Arnold Stadler und Patrick Roth und eine politisch-mediale Totalverirrung bei Peter Handke – doch unterm Strich, im Feuilleton also, fühlen wir uns ärmer an Erregung und wissen doch zugleich, dass wir reicher sind an Abgeklärtheit und Genauigkeit, an Reflexion, Distanz, kurz: an Zivilität auch in ästhetischen Dingen.

Die Rede ist von der Literatur und ihrer Kritik, nicht vom Theater, und auch im politischen Feuilletontheater sieht die Sache anders aus. Hier schießt man noch gerne mit Pershings auf Spatzen, ruft Volksbühnen-Revolten aus. Doch das literarische Leben ist au fond nüchtern und gut ausbalanciert. Es bedurfte im Grunde nicht des Eingeständnisses von Günter Grass, als Jugendlicher bei der Waffen-SS gedient zu haben, um die Überfigur schrumpfen zu lassen. Die Kritik hatte die zunehmende Schwäche und den selbstplagiatorischen Manierismus im System Grass schon vor einer halben Ewigkeit festgestellt.

Umgekehrt kann man einst Verfemte und Verfemtes wieder lesen und sogar genießen. Ernst Jüngers Tagebücher, selbst seine konservativ-revolutionären Essays aus den zwanziger Jahren. Oder Brechts „Maßnahme“. Man weiß Phasen und Schreibweisen sehr wohl zu unterscheiden, historische Verirrungen einzuschätzen. Das gilt für Exzentriker wie Louis-Ferdinand Céline und Ezra Pound ebenso wie für gelegentliche zeitgenössische Querschläger wie Martin Walser.

Ein heikles Glück liegt in dieser Bedachtsamkeit, die nichts Bedächtiges haben muss. Wir haben umgeschaltet von ideologischer, auch stil-ideologischer Außensteuerung auf immanente Textsteuerung. Wir sollten zumindest. Auch die beiden Kernfiguren der gegenwärtigen Kritik, nennen wir sie, da die beiden Begriffe nun einmal in der Welt sind: Emphatiker und Gnostiker. Doch die Leben und Leidenschaft beschwörenden Emphatiker wollen dem Text nicht trauen. Sie ziehen es vor, einem Gefühl zu folgen, das sie als Ureigenes verehren; als ob das fremde Buch und die eigene Seele eines Ursprungs seien. Doch was, so fragen sie umgekehrt, verdrängt der Gnostiker, der philologisch hochgestimmte Exeget, der in Texten Subtexte sucht, an lebendiger Erfahrung? So stehen sich zwei Figuren der Kritik gegenüber, statt anzuerkennen, dass man von Grandiosität entgeistert sein und dann doch weiter fragen kann, welche Baupläne in den schönen Fassaden erkennbar werden.

Nichts steht, alles fließt – in zahllosen Kanälen. Aber wir bewundern auch keinen gewaltigen Strom: von Goethe zu Hauptmann oder von Heine zu Brecht, oder von Kerr zu … Die Traditionen kreuzen sich, verlieren sich, vieles findet Liebhaber, nur weniges viele, und noch weniger bleibt. Das ist unsere Situation – und daran ist auch und besonders die Kritik schuld. In ihr gibt es keine konzertierten Aktionen, Kartelle, runden Tische. Sie ist entlastet vom Hochstemmen in Ewigkeit, von Proselytentum, von Ideologie. Nicht der einzelne Freiheitskämpfer hat das bewirkt, sondern die grundsätzliche Öffnung des Feldes, die Entheroisierung, die Dehierarchisierung, das dauernde Infragestellen der eigenen Vorannahmen.

Vorteilhaft ist dabei die Selbstkorrekturkompetenz des einzelnen Kritikers, entscheidend aber die des Systems. Deshalb muss es viele unterschiedliche Medien, viele Zeitungen, viele Textsorten, viele Kritiker geben, doch vor allem müssen die Leser in der Lage sein, sich in einen Text zu versenken, um mit ihm und in ihm die Welt neu zu entziffern.

Von allgemeinen Gesetzen im Kunstwerk haben wir längst Abschied genommen, doch sind wir allzu schnell am anderen Ende der Skala angekommen, der Behauptung schierer Subjektivität: Schön ist, worin ich mich selber sehe. Und wo ich bin im Text, dort, lieber Leser, wirst auch Du Dich finden. Das ist Umgehung der Intelligenz mit didaktischem Vorwand: man wolle die Leute doch nur dort abholen, wo sie sind. Ja, wo sind sie denn?

Und hier läuft in unserer normativ entlasteten Literaturwelt doch etwas schief. Die emphatischen Probeleser unserer Zunft, die mit dem dominanten Publikumsbezug, treten gewissermaßen postmortal das Ende der politisch-ethischen Kulturerregung früher Zeiten an. Man will noch einmal die Erregung gestriger Revolutiönchen, hat aber nur noch Stil-Moden und Trends als Referenzgröße. Schöne Literatur gibt uns die Regeln zu erkennen, nach der unsere Subjektivität sich ausbildet; sie paktiert mit den Lebensmächten und Zeichenordnungen, um sie sichtbar, erkennbar, kritisierbar zu machen. Sie betört uns und klärt uns über die Betörung auf. Ihre Illusionen zersetzt sie von innen her. Sie spielt auf der Grenze von Sinnlichkeit und Verstand, wo der Schematismus der Erkenntnis durchbrochen wird. Das eben ruft die Kritik auf den Plan, die genau hieran anknüpft, an die Doppeltheit von Erregung und Erkenntnis, von Emphase und Gnosis.

Dieses doppelte Grundprinzip hat schon Alfred Kerr erkannt: „Was ist eines Kritikers Sendung? Er braucht … die Kraft: fortzureißen; zu singen; zu zünden; zu schweben. Er braucht Hände, Finger, Augen, und die Macht, ein Dasein im Blitze zucken zu lassen.“ Kurz darauf heißt es dann – gegensinnig: „Der criticus hält es für dumm, ein Gesetzgeber – doch für klug, ein Gesetzfinder zu sein. In dem criticus lebt ein exaktester Anatom. Kein bloßer Impressionist.“ In Kerr und im Kritiker blitzen die Skalpelle, in ihrem Bild treffen sich Zeus und Rembrandts „Anatomiestunde des Dr. Nicolaes Tulp“.

Der Autor, 1955 geboren, veröffentlichte zuletzt bei Kiepenheuer & Witsch den Essayband „Gute Zeiten. Deutsche Literatur 1995–2005“. Er erhielt dieses Jahr den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

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