Kultur : Kunst & Leben

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Ulrich Clewing über

des Finanzministers zweiten Streich

Für einen Text, der wie dieser links oben auf der ersten Kulturseite steht, gibt es feste Regeln. Eine davon heißt, dass die Autorin/der Autor nicht einfach wild die Gedanken schweifen lässt, sondern sich der Lesefreundlichkeit halber auf einen einzigen Gegenstand beschränkt, welchen sie/er dann möglichst brillant ausformuliert. Gegen diese Vorschrift muss hier aus gegebenem Anlass leider verstoßen werden. Im Folgenden werden nicht weniger als vier Themen behandelt. Zunächst soll es um das Verhältnis von Mehrwert und Mehrwertsteuer gehen; dann widmen wir uns kurz dem Standort Deutschland, um anschließend auf die Studentenrevolution von 1968 zu kommen; und viertens machen wir einen Schlenker zur Interdependenz von Genie und Wahnsinn, wobei die Frage beantwortet wird, warum sich dies alles auf wundersame Weise in der Person von Hans Eichel bündelt.

Wie jetzt bekannt geworden ist, plant das Finanzministerium, den Mehrwertsteuersatz beim Verkauf von Kunstwerken von aktuell sieben auf die regulären, für jedes Konsumgut gültigen 16 Prozent anzuheben.

Ein feiner Zug, der zweifellos der sozialen Gerechtigkeit dient. Man konnte in der Vergangenheit schon des öfteren den Eindruck gewinnen, dass in einschlägigen Kreisen zwar gern von der Kultur geredet wurde, die Praxis aber ganz anders aussah. Dem macht die neue alte Bundesregierung nun zum Glück ein Ende: Steigt der kulturelle Mehrwert, steigt auch die kulturelle Mehrwertsteuer, das ist nur konsequent, zumal es mehr Kultur = mehr Vorteil - der Stärkung des Standortes Deutschland dient.

Natürlich ruft ein solches Vorhaben auch Kritiker auf den Plan, allen voran den Bundesverband Deutscher Galerien (BVDG), der den Teufel an die Wand malt und eine massive Abwanderung der Geschäftstätigkeit ins Ausland prophezeit. Dabei übersieht der BVDG freilich, dass mit der Anhebung der Mehrwertsteuer auf Kunstwerke lediglich ein altes Desiderat der 68er-Generation verwirklicht wird: die Vermischung von Kunst und Leben, bis beides eins ist und (auch fiskalische) Gleichberechtigung erfährt. Soviel kreatives Einfühlungsvermögen hätte man Hans Eichel nicht ohne weiteres zugetraut, einerseits. Andererseits war gerade vor kurzem im Tagesspiegel ein Interview mit Urs Jaeggi zu lesen, in dem der Schweizer Wortschöpfer und Maler forderte, ein Mensch müsste erst „durch die Hölle gehen“, um Künstler zu werden. Durch die Hölle geht Hans Eichel, seit er im Amt ist. Ob er dadurch irgendwann zum Künstler wird, mögen andere beurteilen. Aber immerhin wäre damit auch Punkt vier dieser Glosse geklärt: der Zusammenhang von Genie und Wahnsinn.

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