Kultur : Kunst & Macht

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Ich bin noch ein wenig müde, sagt Till Kleinert, Regiestudent an der dffb, im 9. Stock des Filmhauses am Potsdamer Platz, direkt unterm Sony-Himmel. Es ist 20.30 Uhr. Streiktage, Streiknächte. Die Fenster zur Terrasse sind mit rot-weißem Absperrband verklebt, wer kommt, trägt einen roten „Streik“-Stempel auf der Hand. Die Berliner Filmakademie soll einen neuen Direktor bekommen: Jan Schütte.

Die Studenten haben Regisseur Schütte einen Brief geschrieben. Es gehe nicht gegen ihn (geht es natürlich doch), es gehe um das Procedere. Im November haben sich vier Anwärter auf die Nachfolge von Hartmut Bitomsky den Studenten und Dozenten der dffb vorgestellt. Der Ungar Bela Tarr hielt eine Rede, die selbst jene beeindruckte, die noch nie an einem seiner legendären Regieseminare teilgenommen haben. Das leise, synchrone Lächeln in den Gesichtern des Pressesprechers und einer Kamera-Studentin verrät die Bewunderung für einen Menschen, der mit all dem, was er ist, einsteht für das, was er macht. So wie auch die Kamerafrau und langjährige dffb-Dozentin Sophie Maintigneux, klare Favoritin der Studenten und Dozenten. Viele wissen erst seit den Seminaren der Kamerakünstlerin, was Bilder wirklich sind.

Künstler. Mag sein, dass das Wort in den Ohren des dffb-Kuratoriums einen leicht beargwöhnten Klang hat. Dessen Mitglieder kommen vor allem aus Gremien, Redaktionen,der Filmwirtschaft. Bisher befanden sie sich noch nicht in der Verlegenheit, einen dffb-Direktor wählen zu müssen, denn das Berufungsverfahren findet normalerweise an der Universität der Künste statt, unter Teilnahme von Studenten- und Dozentenvertretern.

So war es auch diesmal. Zwei Anläufe, aber ergebnislos. Die UdK-Professoren hoben am Ende die Schultern. So war das Kuratorium am Zug, eigentlich kein Krönungsgremium, zeigte es sich umso entschlossener. Fast alle Studenten und dffb-Dozenten sind für Sophie Maintigneux? Das Kuratorium entschied für Schütte, der noch nie an der dffb gelehrt hat. Gefragt, welchen dffb-Abschlussfilm der letzten Jahrgänge er besonders mag, hatte sein Gesicht bei der Vorstellung im November einen Ausdruck der stillen Verzweiflung angenommen. Sagen die, die dabei waren.

Monotone Beats scheppern dicht unter dem erdachsengeneigten Sony-Himmel entlang. Ja, was glauben die Studenten eigentlich, wo sie hier sind? Der Sony-Himmel ist auch ein Machthimmel, ein Wirtschaftsmachthimmel. Sagt er nicht die Wahrheit? Die Existenz von Künstlern, von Regisseuren, Kameraleuten und Drehbuchautoren ist nur ein Nebeneffekt des Industriezweigs Film. Oder ist das nur die halbe Wahrheit? 23 Uhr. Die Terrasse füllt sich. Die Party beginnt. Kerstin Decker

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