Kunst & Markt : Alabasterzeit

Etabliert und extravagant: Die Brüsseler Messe Brafa zeigt, wie man Antikes mit Moderne mischt.

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Blick in die Koje der Brüsseler Galerie Marc Heiremans, im Vordergrund eine Bronzeskulptur von John De Andrea
Blick in die Koje der Brüsseler Galerie Marc Heiremans, im Vordergrund eine Bronzeskulptur von John De AndreaFoto: dpa

Verzückt streicht die ältere Dame über den Bauch und die Brüste der nackten Frau. Eine Geste, die nicht weiter erstaunt, weil die Holzskulptur von Ernest Wijnants so samtig wirkt, dass man sich in der Koje des Antwerpener Händlers Victor Werner selbst kaum zurückhalten kann. „45 000 Euro“, haucht ein Mitarbeiter. „Très jolie!“, ruft die Dame – und es bleibt unklar, ob sie den Preis oder die zarte Schönheit aus dem frühen 20. Jahrhundert meint.

Auch „magnifique“ oder „extraordinaire“ hört man häufiger auf dem Rundgang über die diesjährige Brafa. Die Brüsseler Kunstmesse gilt neben der Tefaf in Maastricht als wichtigster Treffpunkt für Liebhaber klassischer Moderne und Antiquitäten. Für den Ruf sorgen aktuell 131 Teilnehmer, darunter wichtige Händler wie Didier Claes, der schon mit knapp 30 Jahren eine imposante Galerie für afrikanische Stammeskunst in Brüssel führt. Oder Harold t’Kint de Roodenbeke, seit 2012 Präsident der Messe, dessen himmelblaues Aquarell von René Magritte schon zur Vorbesichtigung verkauft war. Einen Preis nennt der Händler nicht, verweist dafür auf das Entstehungsdatum („Ein guter Jahrgang für den Künstler“) und darauf, dass ein Blatt dieser Art zwischen 50 000 und 200 000 Euro kosten könne. Ein Blick auf die Provenienz – das Blatt ging vom Händler des Malers direkt in eine belgische Privatsammlung – lässt auf den höheren Preis schließen.

James Ensor, Edgar Degas, Egon Schiele, Picasso, Chagall, Braque und Marcel Broodthears: die Liste der kleinen malerischen Sensationen ist lang. Ergänzt wird sie durch jenes Segment, mit dem die Brafa in der Vergangenheit groß geworden ist. Die Genfer Galerie Phoenix Ancient Art bietet archäologische Prunkstücke wie eine steinerne männliche Figur mit dreitausendjähriger Vergangenheit, die aus dem arabischen Raum stammt und knapp eine Million Euro kosten soll. Es ist nicht das einzige Objekt dieser Preisklasse am puristischen und dabei großzügigen Stand, der vom Konzept her vielleicht noch von Axel Vervoordt übetroffen wird. Allein weil der exzellente belgische Händler antike ägyptische Gefäße (das Paar für 75 000 Euro) mit Vintage-Möbeln von Gio Ponti kombiniert und zeigt, wie gut sich Altes mit Neuerem mischen lässt.

Ein Idealbild, wie es den Messemachern gefällt. Genau diese Strategie verfolgt die Veranstaltung mit solchem Nachdruck, dass sie sogar ihren Namen geändert hat: Brafa steht bloß noch für Brussels Art Fair. Auf den Zusatz „Antiques“, der sich all die Jahre zuvor noch darin versteckte, verzichtet man inzwischen gern. Eine Neuerung mit Risiko. Schließlich tragen Händler wie Steinitz aus Paris neben historischem Interieur ganze Wandverkleidungen und Holzfußböden ins Gebäude und katapultieren den Besucher unversehens ins 18. Jahrhundert. Und auch wenn nicht jeder dieses kulissenhafte Ambiente mag – der Besucherandrang an den ersten Tagen ist groß und offenbart die Sehnsucht nach ungebrochener Pracht.

Andererseits hebt sich im von der Brafa nun heiß umworbenen Segment nach 1945 wenig so spektakulär ab wie die unikate Neonarbeit „Ghost Rider No. 26“ von Lori Hersberger am Stand der Galerie Taménaga. Eine ebenso schlichte wie spektakuläre Lichtarbeit, die man sich gut neben Antiken oder ausladendem Kunsthandwerk, vielleicht sogar zu einem der zahllosen Genrebilder des 19. jahrhunderts an den Ständen vorstellen kann. Stattdessen taucht dann aber unvermeidlich Dekoratives wie die Skulpturen von Mel Ramos auf. Auch von namhaften Künstlern wie Sam Francis oder Jean Dubuffet hängt eher Zweitrangiges an den Wänden. Und bei Guy Pieters, dessen Stand über eine wenig diskrete „Tapetentür“ verfügt, hinter die man als Vip-Gast der belgischen Riesengalerie noch einmal auf 150 Quadratmetern Extrakunst anschauen kann, krachen die Überformate so laut aufeinander, dass man sich lieber in Sicherheit bringt.

Zum Beispiel in die schwarz ausgekleidete Koje von Roswitha Eberwein. Die Expertin aus Göttingen für ägyptische Kunst ab der Frühzeit beleuchtet ihre hölzernen Sarkophage, Bronzefiguren und Alabaster-Gefäße punktuell und schafft eine feierliche Atmosphäre. Im Gegenzug erklärt sie bodenständig praktisch, weshalb mit ihr, der Münchner Brenske Galerie für Ikonen, Jörg Schuhmacher aus Frankfurt und dem Kölner Galeristen Elmar Robert erstaunlich wenig deutsche Händler teilnehmen: Ein langer Atem sei nötig, um die belgischen und französischen Sammler zu überzeugen.

Tatsächlich ist das Angebot an Stammeskunst, Silber, altem Porzellan und Marmorskulpturen auch jetzt schon derart hochwertig, dass Konkurrenten schon mit exquisiten Exponaten anreisen müssen. Dafür sieht man in Brüssel ein ebenso kundiges wie vermögendes Publikum, das offenbar selbst Millionenpreise nicht schrecken kann. 48 000 Besucher flanierten im vergangenen Jahr durch das restaurierte Post- und Zollgebäude mit unverputzem Mauerwerk und Loftflair. Diesmal sollen es zweitausend Gäste mehr werden. Die Voraussetzungen dafür sind schon einmal ideal.

Avenue du Port 86, Brüssel; bis 2.2., tgl. 11–17 Uhr. www..antiques-fair.be

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