Kunst & Markt : Blei und Eisen

Das 19. Jahrhundert läuft prächtig, die Moderne enttäuscht - auch weil sich manche Sammler falsche Vorstellungen machen. Die Frühjahrsauktionen in der Berliner Villa Grisebach

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Spektakel der Maschinen. Los Nr. 78 zeigt das „Zeitalter der Gewalt“ (1994). Das Bild von Konrad Klapheck brachte 270 000 Euro.
Spektakel der Maschinen. Los Nr. 78 zeigt das „Zeitalter der Gewalt“ (1994). Das Bild von Konrad Klapheck brachte 270 000 Euro.Foto: K. Bartsch,Villa Grisebach / VG Bildkunst, Bonn 2014

Der kräftige Regen schien nicht nur die Sammlergemeinde, sondern auch unbändigen Tatendrang in die Villa Grisebach gespült zu haben. Herbeigelockt wurde beides von der Kunst des 19. Jahrhunderts. Ein denkwürdiger, ein bemerkenswerter Auftakt der sieben Auktionen in der Fasanenstraße. Und wer wünschte sich angesichts des ungemütlichen Wetters nicht eine „Sinnliche Nacht“. Der Wiener Maler und Illustrator Hans Pellar illuminierte sie 1912 unter dunkelblauem Sternenhimmel. Zwischen Rokoko und Jugendstil, ein wenig antikisierend. Ein Kostümfest zwischen Orientalia und Commedia dell’Arte. Die untere Schätzung lag bei 25 000 Euro. Doch der Sammler am Telefon der Grisebach-Repräsentantin für Süddeutschland bewies einen wahrlich langen Atem: Erst bei 145 000 Euro fiel der Hammer für die possierliche Öltafel des Meisterschülers Franz von Stucks. Das Ringen um des Malerfürsten „Faun und Nymphe“ gestaltete sich nicht weniger hartnäckig. Ein halbes Dutzend Anwärter trieb die mythologische Szene, die ein pompös-goldener Künstlerrahmen kontrastiert, von 50 000 auf 180 000 Euro. Nur zwei Beispiele für ein Feuerwerk an exorbitanten Steigerungen.

Verschätzt im allerbesten Sinne hatte man sich mit bescheidenen 1000 Euro für C. T. Gregorovius’ „Blick vom Museum am Lustgarten zum Berliner Stadtschloß“. Der Zuschlag für die schön aquarellierte Bleistiftzeichnung erfolgte erst bei 17 500 Euro. Thomas Fearnley fing um 1833 das Naturschauspiel des Felsentors auf Capri ein. Das atmosphärische Ölbild auf Papier des Norwegers mit englischen Wurzeln kletterte von geschätzten 10 000 auf 65 000 Euro.

Die "Schafherde" von Max Liebermann war das teuerste Bild des Abends

Mehr als das Achtfache der unteren Taxe erzielte August Kopischs wunderbar skurriles „Schiff auf dem Meere von Delphinen umschwärmt“ mit 68 000 Euro. Auch Joseph Anton Kochs „Landschaft mit Apoll unter den Hirten“ konnte die Erwartungen mehr als erfüllen. Die museale Leinwand des Tiroler Deutschrömers, dem die Zeitgenossen einen ungehobelten Charakter, aber eine genialische Begabung attestierten, bewegte die Gemüter bis 250 000 Euro. Und noch gegen Ende des auf zweieinhalb Stunden ausgedehnten Nachmittags sorgte Max Liebermann für einen weiteren Höhepunkt. Die „Schafherde“ von 1888 übertraf den Schätzwert zügig und souverän mit 460 000 Euro, die Peter Graf zu Eltz am Pult für einen Schriftbieter zuschlug.

Weit weniger Erfolg war der exklusiven Abendauktion beschieden. Bekannte Namen, gemischte Gefühle – möchte man frei nach Botho Strauß resümieren. Rund 40 Prozent der Lose lagen im Auftragsbuch wie Blei. Doch für eine Handvoll Eisen bewilligte ein Berliner Sammler den Spitzenpreis der „Ausgewählten Werke“. Eduardo Chillidas typische, jedoch gerade mal 19 Zentimeter hohe Stele ging mit 180 000 Euro ins Rennen, das erst beim Hammerpreis von 450 000 (inkl. Aufgeld 562 500 Euro) Euro endete. Der glückliche Neubesitzer, ein Herr von stattlicher Statur, kann das Picasso gewidmete Kleinod von 1975 mühelos in einer Hand verschwinden lassen.

Auch der zweithöchste Zuschlag sorgte für Überraschung. Ein fast zeitgenössisch anmutendes „White Relief“ von Ben Nicholson. Dabei stammt die kleinformatige, monochrome Tafel von 1934; dem Jahr, in dem der 1894 geborene Brite sein Land zum ersten Mal auf der Venedig-Biennale vertrat. Obschon der 1982 verstorbene Maler dreimaliger Documenta-Teilnehmer war, ist er hierzulande kaum bekannt. Den spannenden Bieterwettstreit – von der unteren Taxe bei 120 000 Euro bis zum Hammer mit 430 000 Euro – gewann denn auch ein Engländer im Saal gegen einen deutschen Bieter am Telefon.

"Die Einlieferer werden zu arrogant", glaubt ein Berliner Kunsthändler

Kaum zu glauben, dass Gabriele Münters „Fuchsie vor Mondlandschaft“ nur sechs Jahre früher entstand. Die erwarteten 270 000 Euro konnte das vergleichsweise konventionelle Bild dennoch spielend überflügeln. Ein Bieter aus Nordrhein-Westfalen setzte sich mit 360 000 Euro gegen ein süddeutsches Museum durch. Zur unteren Taxe von 400 000 Euro sicherte sich ein Berliner Wilhelm Lehmbrucks „Frauenbüste (Büste Frau L.)“. Während Lovis Corinths gleich bewertete „Zinnien“ ebenso zu den empfindlichen Rückgängen gehören wie Heinrich Campendonks „Landschaft mit zwei Kühen“: Trotz sicherer Provenienz hatte man dem Gemälde, qualitativ ein herausragendes des rheinischen Expressionisten, mit zwei bis drei Millionen Euro zu viel zugetraut.

Ganz im Gegensatz zu František Kupkas „Rosafarbenem Hut“, dessen Erwartungen zehn weltweite Telefonate mehr als verdoppelten. Nun geht das rätselhafte Bildnis für 280 000 Euro nach Frankreich, der einstigen Wahlheimat des tschechischen Künstlers. Knapp dahinter und im oberen Rahmen reüssierte Konrad Klaphecks „Im Zeitalter der Gewalt I“ mit 270 000 Euro.

Das epochen- und genreübergreifende Angebot der Orangerie – einmal mehr von einem vorzüglichen Katalog begleitet – scheint in Berlin nach wie vor gewöhnungsbedürftig. Jacob Auers filigrane Elfenbeinschnitzerei aus dem späten 17. Jahrhundert (200 000 Euro) fiel ebenso durch wie ein Selbstbildnis des Porträtmalers Anton Graff (25 000 Euro), der unlängst in der Alten Nationalgalerie gefeiert wurde. Den höchsten Zuschlag der Varia und Preziosen aus zwei Jahrtausenden erzielte ein Mitte des 15. Jahrhunderts gefertigtes Stundenbuch aus Rouen, das zur zweifachen Taxe mit 30 000 Euro in Schweizer Handel wechselte. Ein Museum hatte das Nachsehen. Ein anderes bei dem Manuskript, das Thomas Mann für seine BBC-Radioansprache anlässlich des zehnten Jahrestages der nationalsozialistischen Machtergreifung verfasste. Das bislang unveröffentlichte Dokument (Taxe 6000 Euro) geht für 21 000 Euro in eine süddeutsche Privatsammlung.

Die Magie niedriger Einstiegspreise hat dem 19. Jahrhundert überragenden Aufwind beschert. Die Abendauktion bringt ein Berliner Händler auf den Punkt: „Die Einlieferer werden zu arrogant.“ Tatsächlich trübt der Blick auf die aktuellen Rekordjagden in London oder New York manchen Besitzerblick. Höchstpreise bilden sich nicht in Vergleichstabellen, sondern im Auktionssaal. Hier avancierte Max Liebermann kraftvolles Landschaftsbildnis aus dem 19. Jahrhundert zum teuersten Berliner Los des Frühjahrs. Der Preis zweifelsfrei angemessen. Aber wie ein Menetekel löst sich die „Schafherde“ im dunklen Farbrausch auf. Vielleicht trifft die Villa Grisebach die unglückliche Rolle des Vorboten einer anstehenden Marktkorrektur.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25., Versteigerung Third Floor (bis 3000 Euro), am Samstag, 31.5., um 11 und 14.30 Uhr

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