Kunst & Markt : Leuchtender Hohlweg

Das Auktionshaus Lempertz versteigert die Sammlung des Berliner Kunsthändlers Volker Westphal.

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Weiße Pracht. George Mosson malte 1906 die „Chrysanthemen in einer Cloissoné-Vase“. Sie stehen für das Mindestgebot von 9000 Euro bei Lempertz zur Auktion. Foto: Lempertz
Weiße Pracht. George Mosson malte 1906 die „Chrysanthemen in einer Cloissoné-Vase“. Sie stehen für das Mindestgebot von 9000 Euro...

Mit Blumen kannte George Mosson sich aus. Er malte Rosen, Tulpen, Primeln und jene Chrysanthemen, die nun als prächtiger Strauß in der Berliner Dependance des Auktionshauses Lempertz hängen. Ein extremes Hochformat mit einer gewagten Komposition des gebürtigen Franzosen, der als Jugendlicher nach Berlin gelangte und hier 1898 zu den Gründern der Berliner Secession gehörte: Im Zentrum des Bildes – auf das die malenden Kollegen traditionell ihr Augenmerk richteten – steht ganz unspektakulär der Hals der Vase.

Die Ausstellung in den Räumen von Lempertz, eine Vorbesichtigung zur kommenden „Berlin Auktion“ im Oktober, hält noch mehr solcher stillen Schönheiten bereit. Neben Mossons „Chrysanthemen in einer Cloisonné-Vase“ von 1909, die auf 9000–12 000 Euro taxiert sind, hängen sein „Azaleentopf in Seidenpapier“ (4000–5000 Euro), eine „Thüringer Landschaft mit Burg“ von Walter Leistikow (18 000–20 000 Euro) und ein weiteres Stillleben mit „Chrysanthemen in dunkelblauer Vase“, das Lempertz auf 28 000–32 000 Euro schätzt und damit zum teuersten Gemälde der Versteigerung erklärt. Es stammt von Ury Lesser.

Viel wichtiger als ihre Taxierung ist allerdings die Geschichte, die jene knapp dreißig Gemälde erzählen. Sie drehen die Zeit zurück und versetzen den Besucher in das ausgehende 19. Jahrhundert. Dorthin, wo die malerische Moderne Berlins ihren Anfang nahm. Wo sich Progressive und Traditionalisten so innig bekämpften, dass aus Protest gegen die deutsche Akademiekunst zunächst die Berliner Secession und nach ihrer Spaltung 1913 mit der Freien Sezession eine weitere Strömung entstand, der sich Mosson gemeinsam mit Max Liebermann und Max Slevogt anschloss. Letztere beiden sucht man in der aktuellen Ausstellung zwar vergeblich. Dafür rückt mit Franz Skarbina, Bruno Krauskopf oder William Pape jene Generation von Malern in den Vordergrund, die längst nicht auf jeder Auktion Höchstpreise erzielen. Dabei gilt es ihre Sujets, die teils noch im Realismus verfangen, teils auf dem Weg in die Abstraktion sind, jedoch unbedingt wiederzuentdecken.

Volker Westphal hat das immer gewusst und gefördert. Der Berliner Kunsthändler widmet sich dieser Epoche seit über einem halben Jahrhundert und zählt zu ihren Spezialisten. Aus seiner Sammlung stammen auch die Gemälde, von denen sich Westphal trennt. Dabei steht bloß ein Teil zum Verkauf, die übrigen Schätze sammeln sich weiterhin in seiner Galerie am Kaiserdamm, einer imposanten Wohnung der Jahrhundertwende. „Sie würden gar nicht merken, dass in diesen Räumen etwas fehlt“, konstatiert der Händler lächelnd. Die freien Stellen an den Wänden hat er flugs mit anderen Werken gefüllt. Und Westphal verrät auch, welche er mit Bedacht zurückgehalten hat – solche Bilder, mit denen sowohl die Nationalgalerie als auch die Berlinische Galerie in ferner Zukunft ihre Sammlungen ergänzen können.

Die Auswahl für Lempertz, so der Kunsthändler, sei deshalb nicht minder qualitätvoll, folge aber nicht zuletzt den ökonomischen Kriterien des Kunstmarktes, auf dem sich manche der von ihm hoch geschätzten Maler und Bildhauer einfach nicht wiederfänden. Wie launisch der Zeitgeschmack ist, weiß Westphal ebenfalls aus der Geschichte: „1912 wurden die hier versammelten Künstler ganz anders gehandelt“, meint er und zieht zum Beweis eine alte Preisliste aus der Tasche. Wilhelm Trübners Porträt, ein etwas dunkles „Bildnis des Malers Friedrich von Amerongen“, wird hier mit 25 000 Goldmark veranschlagt. „Das war der Gegenwert eines Hauses“, resümiert Westphal. Bloß die Bilder von Max Liebermann seien damals noch höher gehandelt worden, während ein „Neuling wie Erich Büttner“ einen Bruchteil davon gekostet habe. Dessen „Dachterrasse mit Steinbüsten“, ein expressives Querformat, das verblüffend modern wirkt, wird nun von Lempertz mit der unteren Taxe von 3000 Euro bewertet. „Der Markt“, resümiert Westphal, „hat mit den Kunstwerken wenig zu tun. Im Vergleich zu ihrer Entstehungszeit sind die Bilder heute unfassbar günstig.“

Natürlich hat dies auch mit den Sehgewohnheiten zu tun. Manche der Motive wirken auf den schnellen Blick etwas bieder oder altmodisch, und nicht jeder vermag den „Hohlweg“ von Eugen Bracht mit derart leuchtenden Augen zu betrachten, wie es der versierte Kunsthändler tut. Wenn Westphal dann allerdings auf die „Auflösung der Fläche“ hinweist, auf die Vielzahl von Grüntönen, die aus der Landschaft ein „Farbkunstwerk“ machen, beginnt man zu verstehen, dass sich der Blick für die Qualität dieser Sujets schnell schulen lässt. Westphal, der die Hängung selbst vorgenommen hat, nimmt einen mit. Bis vor die spektakuläre „Trauerfeier für Adolph Menzel“, die William Pape 1905 in Öl auf Malkarton (8000–10 000 Euro) festhielt. Dass damals „ganz Berlin auf den Beinen war“ (Westphal), dass der Kaiser salutierte und den Sarg des bedeutenden Realisten bis zum Friedhof geleitete, gehörte zu den unerhörten Begebenheiten, die Menzels Wertschätzung als Malerfürst noch einmal unterstreichen. Heute lässt sich diese Szene bloß noch mit dem (kunst-)historischen Wissen entschlüsseln. Zugleich aber fällt die delikate Malerei auf, und die ungewöhnliche Perspektive macht das immerhin 72 x 96 Zentimeter große Bild zu einem lehrreichen Vertreter der sehenswerten Schau.

Volker Westphal und Kilian von Seldeneck, der das Kölner Auktionshaus gemeinsam mit seiner Frau in Berlin repräsentiert, verstehen die Ausstellung als Angebot zur „Anstoßbildung“. Eine kleine Sammlung wichtiger Namen der Secession wird zusammengeführt, um zu klären: Was versteht man unter Berliner Impressionismus. Und was unterscheidet Ury Lessers Malerei von der eines George Mosson? Vor allem jedoch wird deutlich, wie viele differenzierte Stile sich hinter dem Begriff verbergen, von denen jeder für sich geschätzt und verstanden werden will. Die Vorbesichtigung schafft Raum dafür, bevor sich dieser Teil der Sammlung in andere Privaträume zerstreut.

Die Ausstellung in der Dependance von Lempertz, Poststr. 21/22, ist bis 3.10. nach Anmeldung zu sehen und vom 5.–11.10. jeweils 11–17 Uhr. Am 12.9. stehen hier Experten aller Abteilungen zur Verfügung, um unverbindlich Kunstwerke zu schätzen. Voranmeldung erbeten unter: 27876080

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