Kunst & Markt : Objekte zum Spielen

Mit Gerhard von Graevenitz wird ein Pionier der kinetischen Kunst wieder entdeckt. Zu sehen sind seine Skulpturen in der Kunsthandlung Wolfgang Werner

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In Bewegung.
In Bewegung.Foto: Kunsthandel Wolfgang Werner

Spielen wir Kunst: Handschuhe an und zugreifen. Das Werk besteht aus vier weiße Scheiben mit unterschiedlichen Durchmessern, voreinander montiert mit drei Nägeln. Der Besucher darf das „Spielobjekt“ von 1969 in der Kunsthandlung von Wolfgang Werner bewegen. Ja, er muss es bewegen! Denn seine Vollendung erfährt ein Werk für Gerhard von Graevenitz erst durch den Betrachter. Einmal gedreht, nie wieder so gesehen. Auch ohne aktive Beteiligung ist der Betrachter in das Spiel von Form und Bewegung, von Raum und Zeit einbezogen.

Schwarze Linien ziehen über ein weißes Quadrat. Sie formieren sich zu grafischen Figurinen, die rotieren und schweben, sich zu immer neuen Beziehungen formieren und veränderte Tempi vorgeben: diagonal und parallel, als Kreuzungen oder chaotische Haufen. Das Ergebnis sind faszinierende Choreografien aus Ordnung und Zufall.

Die Konstruktion von „Kinetisches Objekt, 4 exzentrische Streifen a-synchron“ ist so einfach wie genial. Die schwarzen Stäbe drehen sich via Elektromotor um einen Nagel. Die beeindruckende Vielfalt entsteht durch die komplex austarierte Asynchronizität. Als kunsthistorische Pointe ergeben die Streifen im Ursprung ein schwarzes Quadrat.

Der 1934 in der Mark Brandenburg geborene Künstler und Theoretiker, Kunstvermittler und Poet, dessen Familie 1945 an die Weser floh, suchte als Pionier der Kinetischen Kunst und Op-Art stets die Reibung mit zeitgenössischen Strömungen wie der Konkreten Kunst oder Zero. Zugleich hat er sie als Herausgeber der exzellenten Zeitschrift „nota“ sowie als gefragter Kurator zur Debatte gestellt.

Mittlerweile schnarren und trommeln einige Scheiben und Stäbe in der Ausstellung. Insgesamt sind zwölf Werke ab 1959 zu sehen (28 000-120 000 Euro): von „Weißen Strukturen“ bis zu einem der letzten kinetischen Objekte des 1983 bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Künstlers. Den Klang hatte Gerhard von Graevenitz gar nicht beabsichtigt. Er entstand durch Materialverschiebungen im Laufe der Zeit. Vielleicht hätte er ihm trotzdem gefallen, hat doch der Zufall der Ordnung eine weitere Dimension entlockt. Der kompakte, erhellende Überblick ist eine Wiederentdeckung. Nicht zuletzt das „Lichtobjekt“ von 1965 sollte man auf keinen Fall verpassen: offen gefaltete Rechtecke und der Schein einer einzigen Glühbirne oszillieren wie Zeitlupenflügelschläge und Lichtwellenschleier. Sie übersetzen die Galerie in einen Denkraum schwarzer Materie.

Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstr. 72; bis 28. 6.; Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa 11–15 Uhr

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