Kultur : "Kunst und Revolution": Wagner ist auf Verdi schlecht zu sprechen

Sybill Mahlke

"Politische Romantik" stellt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler als Eröffnungsthema eines internationalen wissenschaftlichen Symposiums in den Raum, genauer den Apollo-Saal der Berliner Staatsoper. Hier geht es - in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität und in Verbindung mit dem Wissenschaftskolleg - zum vierten Mal darum, die Festtage des Hauses mit guten Reden zu begleiten. Erneut wird also betrachtet, was durch die erklingende Kunst zur Erörterung strebt. Und es liegt nicht fern, dass in diesem (Verdi-) Jahr, da "Der fliegende Holländer" und "Otello" über die Bühne gehen, Überlegungen zu "Wagner - Verdi: Kunst und Revolution" angestellt werden. Zur Begrüßung kann Intendant Georg Quander mitteilen, die Vorträge der Jahre 1998/99, in denen es um die "Meistersinger"-Frage "Was deutsch und echt" ging, seien nun im Druck erschienen (unter dem Titel "Deutsche Meister - böse Geister?", herausg. von Hermann Danuser und Herfried Münkler, Edition Argus, 89 Mark).

Als Feindbild der politischen Romantiker, für die Richard Wagners "Die Kunst und die Revolution" als Programmschrift gelten könne, schildert Münkler die Philister. Diese liegen geistig in der politischen Mitte und werden von Rechts wie Links als Spießbürger angesehen. Auch bei Wagner kämen die "behaglichen" Philister am schlechtesten weg. Der Völkerrechtler Carl Schmitt, der "Politische Romantik" 1919 untersucht hat, wird mit seiner Gegenbeobachtung zitiert, dass der Philister den Romantiker achtete. Wagners Sozialanalyse sei anfangs, nahe an Karl Marx, dem wenig Spuren von Romantik anhafteten, erstaunlich präzise gewesen, um die Revolution später als erhabene Göttin und verjüngende Mutter der Menschheit zu definieren: poetische Auflösung einer gescheiterten Revolution.

Auch der Schriftsteller Friedrich Dieckmann beleuchtet Wagners Aufstand und Abkehr von der Revolution nach deren Scheitern: Der König als Gebieter über eine klassenlose Gesellschaft sei sein politisches Phantasma gewesen. Die Faszination aber, die Bakunin, "das Feuerwerk des Anarchismus", bei Wagner entfacht habe, sei bei ihm erhalten geblieben. Immerhin hat Wagner Handgranaten bestellt und Transparente mit der Aufschrift "Seid Ihr mit uns gegen fremde Truppen?" drucken lassen und aufgehängt. Bakunins Besuch einer Konzertprobe des Hofkapellmeisters, "heimlich und vor der Polizei verborgen": nachzulesen sogar in der Autobiografie. Münkler spricht in der Diskussion von der Machtfrage und dass Wagner eben erkannt habe, kein "richtiger" Revolutionär zu sein wie Bakunin.

Nachdenken über Christa Wolf

Dass es Wagner 1848/49 ernst gewesen ist mit der Revolution, darin herrscht bei unterschiedlichen Aspekten der Referenten Einigkeit. Der Autor und PDS-Politiker André Brie betont sogar, Wagner habe "sein halbes Leben lang" daran geglaubt. Unter dem Thema "1968-1989: Politisierungstendenzen in Musik und Literatur" kommt er auf das Spannungsgeflecht zwischen Kunst und Revolution, um ein eindrucksvolles Plädoyer für die Kunst in der DDR zu halten, für deren Widerstand und subversives Potential: "Die Emanzipation der DDR kann ohne die Kunst nicht gedacht werden." Er wünsche sich, dass damit heute achtungsvoller umgegangen würde. Brie weiß natürlich von den Schattenseiten und dem Katzbuckeln. Um zu begreifen, was er meint, genügt wohl sein Hinweis, dass wegzensierte Sätze von Christa Wolf in der DDR womöglich bekannter gewesen seien als die gedruckten.

Auf die "begehrten Klänge" kommt der Komponist Manfred Trojahn zurück und schildert, wie er als Kind an Hand unterschiedlicher Schallplattenvorlieben der erwachsenen Verwandten in den ersten Verdi-Wagner-Konflikt gezogen wurde. Während Wagner sein Publikum als zustimmende Sekte und sein Theater als Weiheanstalt brauche, suche Verdi im Gegensatz das bereits vorhandene Publikum zu gewinnen, weil der Integre dem Theater verfallen gewesen sei. Eine Entscheidung Trojahns zwischen den beiden scheint aus dieser Betrachtung schon hervorzugehen. Sich von Wagner zu lösen, ist dem Musiker dennoch und naturgemäß ein Ding der Unmöglichkeit. Aus der Tiefe seines Denkens taucht der Philosoph Albrecht Wellmer als anregender Theaterfan auf. Gegen die Abschirmung des Bewährten, Alten, "das gerade das falsche Alte ist", plädiert er dafür, neues Licht auf traditionelle Werke zu werfen. Marthaler, Neuenfels, der Stuttgarter "Ring" sind ihm Wegweiser, ebenso Kagel, Schnebel, Sciarrino, und die Infusion der Oper mit Mitteln gegenwärtigen "postdramatischen Theaters" ein ernstes Postulat. Die Warnung vor falscher Aktualisierung versteht sich bei Wellmer wie die Überzeugung, dass Kunst nichts Zeitloses sei, sondern Wurzeln in der Jetztzeit schlage: Die Inszenierung wird gültiger Abschluss einer Produktion.

Einem Musikwissenschaftler das Schlussreferat zu geben, heißt auf Noten und Klangbeispiele zu kommen: Klaus Kropfinger bringt den Verdi-Wagner-Vergleich. Verdi schätzt Wagner auf differenzierende Weise. Im Haus Wagner spricht man über Verdi nur mit Verachtung. Eine Frage bleibt als Ergebnis von Kropfingers "Aida"-Analyse: Was wusste Verdi vom "Tristan"? Hypothetische Perspektiven gehören dazu, die keineswegs einen Verdischen "Wagnerismus" unterstellen wollen. Die Aufenthalte des Italieners in Paris, wo Berlioz eine "Tristan"-Partitur als Geschenk Wagners besaß und auslieh, die Wagner-Begeisterung Boitos, Verdis Beethoven-Kenntnis und das gemeinsame Engagement der beiden höchsten musikalischen Repräsentanten der Musik im 19. Jahrhundert für die Melodie geben keine klare Antwort. Der Verdi-Experte Anselm Gerhard, der sich in musikalischer Syntax und Versmaßen auskennt, zuckt die Schultern. Verdis Nachlass darf noch nicht vollständig eingesehen werden. Gemeinsame Wurzeln oder doch direkte Kenntnis?

Für den Jahrgang 2001 ist ein Fragezeichen nicht das schlechteste Finale. Wenn im nächsten Jahr der totale Wagner im Gewand der Festtage ausbrechen wird, heißen die Themen des Begleitsymposiums, wie Danuser ankündigt, "Kunst, Fest, Feier".

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