Kunst von Jutta Koether : Blaues Wunder

Neue, rätselhafte Bilder von Jutta Koether in der Berliner Galerie Buchholz

Von Jens Müller
Jutta Koether: "Formula Won Balthus, PdF #3", 2016   Foto: Galerie Buchholz
Jutta Koether: "Formula Won Balthus, PdF #3", 2016  Foto: Galerie Buchholz

Zum Beispiel „Bond Freud National Gallery“. Auf den ersten Blick sehr rotlastige, gestisch-figürliche, (neo)-expressionistische Malerei, wie sie auch in den achtziger Jahren, als die Künstlerin Jutta Koether die öffentliche Bühne betrat, von den Neuen Wilden gemalt sein könnte. Man liegt also gar nicht so falsch – und könnte falscher nicht liegen. Jutta Koether versteht ihre Kunst als kritische Antwort auf die testosteronsatte, sich selbst genügende Malerei jener Malerfürsten, wie sie sich damals gerade erfanden, in der Abkehr von der verkopften Konzeptkunst der Dekade zuvor.

Früher war Jutta Koether Herausgeberin der "Spex"
In einem Interview mit dem Magazin „Spex“, das relevant war, als Koether dort Redakteurin und Herausgeberin war, hat sie einmal gesagt: „Malerei wird heute konsumiert, aber nicht gedeutet. Dabei liegen die Möglichkeiten von Malerei seit jeher in der Verschlüsselung.“ Dieser Satz könnte auch als Schlüssel ihrer Bilder in der Galerie Buchholz dienen. Es hilft zu wissen, dass man hier deuten und entschlüsseln soll. Was scheinbar unbekümmert daherkommt, erweist sich als extrem konzeptuell und verkopft. Wie „Bond Freud National Gallery“, mit 90.000 US-Dollar das größte und kostspieligste Werk der Schau. Da kommt einiges zusammen. Die blaue Schleife in einer Ecke ist den Stillleben des flämischen Malers Daniel Seghers entnommen. Sie findet sich in gleich mehreren Bildern der Ausstellung. Der Kunstkritikerin Isabelle Graw zufolge liegt die Bedeutung der blauen Schleife darin, daran zu erinnern, „dass malerische Zeichen Bedeutung nur suggerieren“.

Komplexe Bild-im-Bild-Konstruktionen
Bei Koether bedeutet die Schleife also, dass sie bei Seghers nur vorgibt etwas zu bedeuten und also eigentlich nichts bedeutet. Da hat der Betrachter einiges zu deuten – und dabei hat er doch erst die obere rechte Ecke dieses einen Bildes zu deuten, nicht einfach nur zu konsumieren versucht. Was mögen erst die Äpfel bedeuten und das Schachbrettmuster? Was bedeutet es, wenn Koether ein Szene aus dem Bond-Film „Skyfall“ aufgreift und verfremdet? Als wären Bild-im-Bild-Konstruktionen nicht so schon kompliziert genug. Und als stünde die Künstlerin nicht auch noch selbst in ihrem Bild, in der Pose Lucian Freuds in seinem Selbstporträt von 1992, nackt, mit dem Pinsel in der einen und der Palette in der anderen Hand.
Was immer es bedeuten mag, der Betrachter wird beim Entschlüsseln nicht die anderen Bilder außer Acht lassen dürfen. Was bedeutet es, wenn eine Arbeit so gehängt ist, dass sie einen Durchgang verschließt? Wenn Jutta Koether sich in Bildtiteln auf Balthus und Francesca Woodman bezieht? Wenn sie ohne deren explizite Nennung auf Motive weiterer Künstler referiert: Auguste Rodin, Cornelis de Heem, Nicolas Poussin, Sandro Botticelli...
Es ist eine höhere Form der Schnitzeljagd, bei der es keinen Zielort gibt und um so mehr zu finden. Zu deuten. Kunsthistoriker sind klar im Vorteil.
Galerie Buchholz, Fasanenstr. 30; bis 22.10., Sa 11–18 Uhr

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