Kunst : Was soll ins Humboldt-Forum – und was heißt hier außereuropäisch?

Die Aussicht auf eine gekünstelte Schlossfassade ist für viele inzwischen eine Zumutung. Man fühlt sich doppelt getäuscht: durch die grundfalsche Symbolik einer zur Staatsaffäre hochgemetzten Rekonstruktion – und durch die gähnende geistige Leere dahinter.

Rüdiger Schaper

Offenbar kommt es allein auf die Verpackung an. Es ist der umgekehrte Christo Effekt: Die Reichstagsverhüllung war ein ästhetisches Erlebnis von höchster Eleganz. Zugleich verlieh sie dem Reichstagsgebäude, dem Sitz des Deutschen Bundestags, der 2002 für den Schlossaufbau entschieden hat, Würde und Aufmerksamkeit. Das Innenleben des Monstrums jedoch, das Berlin seine Mitte wiedergewinnen soll, hat in dem ganzen Debatten elend nie wirklich eine Rolle gespielt.

Oder vielleicht einmal – als Klaus-Dieter Lehmann, damals Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit der Idee des Humboldt-Forums herauskam. Vulgo: die außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem hinter Schloss und Fassadenriegel. Es war ein Durchbruch. Aber nicht etwa für weltläufige Visionen des 21. Jahrhunderts, sondern wieder nur für den historischen Schwindel.

Seitdem hört man von den Humboldt-Freunden nicht mehr viel. Lehmanns Nachfolger Hermann Parzinger schreibt, so ist zu hören, an einem Konzept. Und die Jury, die am Freitag einen Gewinner des Architekturwettbewerbs zu küren hat, zerbricht sich die Köpfe, ob und wie Humboldt und Hohenzollernschloss zusammenpassen. Keine Angela Merkel, kein Bernd Neumann und auch kein Klaus Wowereit hat sich je für ein großes Haus der Weltkulturen – und was wäre das Humboldt-Forum sonst – nachhaltig engagiert. Auch die Berliner Museumsleute können die interessierte Öffentlichkeit nicht überzeugen, dass es hier um ein Jahrhundertprojekt geht. Um die einmalige Chance, die Kunstsammlungen der Hauptstadt neu zu betrachten, neu zu sortieren.

Die deutsche Hauptstadt ist auf dem Stand des Jahres 1912 in Paris. Von afrikanischer Kunst begeistert, konstatierte damals der Dichter Guillaume Apollinaire: „Es gibt keinen Grund, warum der Staat nicht endlich ein großes Museum für exotische Kunst gründen sollte, entsprechend dem, was der Louvre für die europäische Kunst bedeutet.“ Von Exotik sollte man heute nicht mehr sprechen, wohl aber von dem großen Museum für die Kunst und Kulturen außerhalb unseres festgefügten europäischen Kanons.

Und wieder droht zweifache Enttäuschung und Frustration. Einerseits steht überhaupt nicht fest, ob das Humboldt-Forum mit Schlossgeschmack ausreichenden und geeigneten Platz für die sogenannten außereuropäischen Schätze bieten kann. Und andererseits ist diese Aufteilung der Welt längst hinfällig. Was heißt denn außereuropäisch? Die Welt der Ägypter und Babylonier, der Perser und Byzantiner gliedert sich wie naturgegeben in das europäische Selbstverständnis ein. Da redet man gern von der Wiege unserer Zivilisation – weil die Europäer nun einmal in Nordafrika und Mesopotamien als Kolonialmächte den Boden umgegraben und die Artefakte in ihre Museen gebracht haben, vom Louvre über das British Museum zur Museumsinsel. „Wenn die Menschen gestorben sind, betreten sie die Geschichte. Wenn die Statuen gestorben sind, betreten sie die Kunst. Diese Botanik des Todes nennen wir die Kultur“, schrieb Chris Marker 1961 in einem Kommentar zu einem Film über die „Negerkunst“.

Wir sagen nicht mehr „Neger“, aber wir denken oft noch so. Markers „Botanik des Todes“ trifft vor allem Objekte aus Afrika, Ozeanien oder auch dem indianischen Nordamerika. Sie gelten in der Hierarchie der Weltkunst als nachgeordnet, werden nicht als autarke Werke, sondern stets in kultischem Zusammenhang gezeigt und erklärt; wie letztes Jahr bei der Schau der herrlichen Skulpturen aus Benin in Dahlem. Nie würde ein Renaissancegemälde oder ein Impressionist mit ethnologischem Handwerkszeug traktiert. Das hat schon Carl Einstein 1915 in seinem berühmten Aufsatz über „Negerplastik“ moniert; leider immer noch ein Klassiker.

In der Ausstellung „Unsterblich“ am Kulturforum, die aus den Magazinen und Sammlungen der Preußenstiftung bestückt ist, wird jetzt ein kleiner Versuch unternommen, Afrika und Europa und die überall ähnliche Rolle des Künstlers zusammenzudenken. Es funktioniert – nur, was ist das für ein Ausstellungsort am Rande des Geschehens? Warum sieht das aus wie eine Alibiveranstaltung?

Das Universalmuseum hat nach wie vor ausgrenzenden Charakter. Wo die Grenzen verlaufen, bleibt ein Akt der Willkür. Außereuropäische Sammlungen auf dem Schlossplatz haben nur dann einen Sinn, wenn sie mit den Artefakten der Museumsinsel in Berührung kommen, und umgekehrt. Das noch junge Musée du quai Branly in Paris erfüllt Apollinaires Forderung nach einem herausragenden eigenen Platz für das Außereuropäische. Es wird aber auch als Ausdruck eines luxuriösen Postkolonialismus empfunden. Nach Lage der Dinge können wir nicht einmal auf ein Berliner Branly hoffen; der Jean-Nouvel -Bau ist Museum und großes Veranstaltungszentrum. Zu kleinteilig wird das an sich gewaltige und schöne Humboldt-Unternehmen angegangen.

Beseelt von der Kunst der Indianer des amerikanischen Nordwestens schrieb Claude Lévi-Strauss: „Sicher ist die Zeit nicht mehr fern, da die Sammlungen aus diesem Teil der Welt aus den ethnographischen Museen verschwinden werden, um in den Museen der Schönen Künste zwischen dem alten Ägypten oder Persien und dem europäischen Mittelalter Platz zu nehmen. Denn diese Kunst darf sich mit den größten Kunstformen messen ...“.

Lévi-Strauss, der am Freitag 100 Jahre alt wird, war zu optimistisch. Die Torschlosspanik bewirkt aber noch Schlimmeres: ein allgemeines Denkverbot.

Weiteres zur Debatte um das Schloss: www.tagesspiegel.de/berlin/schlossplatz/

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