Kunst : Wisch und weg

Pollock, Rothko, Motherwell: Auch die amerikanische Kunstwelt hat jetzt ihren Fälscherskandal. Ermittelt wird unter anderem gegen Ann Freedman, bis 2009 Präsidentin der Galerie Knoedler & Company wegen des Weiterverkaufs gefälschter Bilder.

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Knoedler,Ann Freedman,Pollock,Rothko,Kunst,FälschungNoch ist das Jahr nicht ganz vorüber, da gibt es schon den zweiten großen Fälscherskandal, der den internationalen Kunstmarkt erneut in Verruf zu bringen droht. 2011 wird damit auf seine Art in die Kunstgeschichte eingehen, als das Jahr der Enthüllungen für den Handel. Nachdem erst vor wenigen Wochen in Deutschland der Prozess gegen Wolfgang Beltracchi und seine Helfer mit einem eher lauen Urteil in Köln zu Ende gegangen ist, wird jetzt der US-Markt durch einen Fall ähnlichen Ausmaßes erschüttert.

Die Methoden beiderseits des Atlantiks weisen Ähnlichkeiten auf, denn in beiden Fällen wurden jeweils obskure Kollektionen ins Spiel gebracht, aus denen die vermeintlichen Originale stammen sollten. War es in Deutschland die erfundene Sammlung Jägers, über die Beltracchi Avantgarde-Künstler wie Max Ernst und Max Pechstein unauffällig ins Gespräch bringen konnte, so spielte in den USA der in der Schweiz und Mexiko lebende angebliche Sohn eines Kunstaficionados diese Rolle. Anonym bleibend, wollte er Werke von Motherwell, Pollock und Rothko aus dem Erbe verkaufen, die sein Vater angeblich in den Fünfzigern direkt bei den Künstlern gekauft hatte. Während in Europa die klassische Moderne als Köder diente, lockten in den Vereinigten Staaten die Abstrakten Expressionisten und Farbfeldmaler.

Die „New York Times“ berichtete jetzt erstmals ausführlich über den mehr als ein Dutzend Werke betreffenden Fall, in dem das FBI offenbar seit zwei Jahren verdeckte Ermittlungen führt. Anlass war die am Freitag eingereichte Klage des in London ansässigen belgischen Sammlers und Hedgefonds-Managers Pierre Lagrange, der 2007 das angebliche Jackson-Pollock-Gemälde „Untitled 1950“ für 17 Millionen Dollar in der renommierten New Yorker Galerie Knoedler & Company erworben hatte. Diese schloss zwei Tage zuvor ihre Geschäfte – nach 165 Jahren Firmengeschichte. Kaum ein Zufall. Damit entzog sich das Unternehmen mit Sitz auf der Madison Avenue den gerichtlichen Zugriffsmöglichkeiten.

Ermittelt wird nun gegen die bis 2009 amtierende Präsidentin der Galerie, Ann Freedman, deren damaliger Rücktritt nach 31 Jahren Betriebszugehörigkeit ebenso wenig zufällig zum Zeitpunkt der Aufnahme polizeilicher Untersuchungen erfolgt sein dürfte. Damals trennte sich das Unternehmen nicht nur von seiner Geschäftsführerin, sondern verkaufte kurz darauf auch die Immobilie, in der die Galerie bis dahin untergebracht war. Neben Freedman laufen außerdem Ermittlungen gegen den einstigen Knoedler-Mitarbeiter Julian Weissman, der zuvor als Galerist von Robert Motherwell gewirkt hatte. Die nun gerichtsanhängig gewordene Pollock-Fälschung war aufgeflogen, nachdem Lagrange durch Pigmentanalyse herausgefunden hatte, dass zwei Farben erst nach dem Tod des Malers auf den Markt gekommen waren.

Wie sich nun erweist, sind auch die anderen Werke aus der Quelle, welche die Galerie Knoedler in den vergangenen zwanzig Jahren mit frischer „alter“ Ware versorgte, offensichtlich Fälschungen. Die Spur führt zur gebürtigen Mexikanerin Glafira Rosales, die seit 1993 auf Long Island eine Galerie führt. Und damit auch zu ihrem bereits in den Neunzigern wegen Fälschungen in Spanien belangten Partner José Carlos Bergantinos, mit dem sie einst eine Galerie in Manhattan unterhielt, die unter anderem mit Picassos und Warhols handelte. Gegenüber der Knoedler-Chefin hatte Rosales den im Ausland lebenden Kunsterben vage als „engen Freund der Familie“ beschrieben und ihr wiederum erklärt, dass dessen Vater die Werke beim 1995 verstorbenen Kunsthändler David Herbert erworben hatte. Zu ihrer Verteidigung erklärt Freedman nun, die mittlerweile eine eigene Galerie auf der Upper East Side betreibt, dass auch sie für ihre eigene Sammlung einen Motherwell, einen Pollock und einen Rothko von Rosales erworben hätte und diese immer noch besäße. Nicht einmal die Chefin selbst hatte es offensichtlich für nötig befunden, die Provenienz der Werke zu klären.

In zwei Fällen allerdings weigerten sich die Prüfstellen, Werke nachträglich zu zertifizieren. So nahm die Richard-Diebenkorn-Foundation sieben Papierarbeiten des Künstlers nicht in ihr Werkverzeichnis auf, da die Quellenlage zu undurchsichtig erschien. Die Arbeiten sollten laut Rosales aus einer spanischen Galerie stammen, die mittlerweile geschlossen hatte. Auch die von einem potenziellen Pollock-Kunden kurz vor dem Kauf eingeschaltete International Foundation for Art Research hielt sich mit einer Bescheinigung zurück. Die Dedalus-Foundation, die sich um den Nachlass von Robert Motherwell kümmert, zweifelte seit 2007 daran, dass es bei der siebenteiligen Serie „Elegien der Spanischen Republik“, die dem spanischen Bürgerkrieg gewidmet ist, mit rechten Dingen zuging. 2009 erbrachten forensische Untersuchungen den Beweis, dass zwei der Motherwells Pigmente aufweisen, die erst über zehn Jahre nach Entstehung der Bilder Mitte der Fünfziger auf dem Markt kamen. Damit geriet die gesamte Serie in Verdacht. Die Untersuchungen dauern an.

In diesem Sommer nun hatte Dedalus Klage gegen Weissman erhoben, da er offenkundig die Herkunft der Bilder vertuschte: Angeblich stammten sie aus dem Bestand einer in London lebenden Kuwaiti-Prinzessin. Zugleich wurde die Dedalus-Foundation durch den Schweizer Kunsthändler Marc Blondeau angezeigt, der ein gefälschtes Werk der Serie für 650000 US-Dollar erworben hatte, das die Stiftung zuvor als authentisch eingestuft hatte.

Und hier schließen sich die Kreise. Der Kunsthändler Blondeau spielt auch in der Affäre Beltracchi eine Rolle als Vermittler gefälschter Werke von Campendonck und Max Ernst. Für viele wurde der Beltracchi-Fall zu früh abgeschlossen, ohne dass die Hintermänner zur Rechenschaft gezogen wurden oder halbwegs die Zahl der Fälschungen ermittelt wurde. Verhandelt wurde nur über 14 Werke, 100, ja 200 sollen es angeblich sein. Der Bundesverband der Deutschen Kunstversteigerer hat nun in Abstimmung mit dem Landeskriminalamt fast alle der 53 bisher bekannten Fälschungen ins Internet gestellt (www.kunstversteigerer.de) – damit sie nicht in einigen Jahren erneut auf dem Kunstmarkt zirkulieren.

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