Kunstakademie Düsseldorf : Salz in der Suppe

Der Beuys-Schüler Johannes Stüttgen erinnert in seinem Buch "Der ganze Riemen" an die wilden Akademiejahre.

Stephan Wiese
317030_0_4907d78d.jpg
Als der Lehrer frech geworden. Joseph Beuys (M.) mit Johannes Stüttgen (r.) vor der Düsseldorfer Akademie anlässlich der Gründung...

Jahrzehntelang hat Johannes Stüttgen, Schüler von Joseph Beuys in den Jahren 1967 bis 1971, an einer Chronik der Klasse gearbeitet, die er besuchte. Sein Buch ist – niederrheinisch ausgedrückt – der „ganze Riemen“ über den Unterricht. Aber ist es auch die ganze Wahrheit? Mit ihr kämpfen Beuys-Autoren wie -Kuratoren. Im September versucht es nach dem Hamburger Bahnhof in Berlin die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit ihrer großen Retrospektive, die sich nur einen Katzensprung entfernt von der ehemaligen Wirkungsstätte des Akademielehrers befindet. Just in dem Moment schließt übrigens Schloss Moyland in Bedburg-Hau für ein Jahr, um den dort betreuten Beuys-Nachlass neu zu präsentieren. Auch um ihn wird seit Jahren mit der Witwe Eva Beuys gestritten.

Ausgangspunkt für den Buchautor Stüttgen ist die am 20. Juni 1967 von Beuys gegründete Deutsche Studentenpartei, ein Amalgam aus Kunstprogramm und rudimentärer Parteipolitik. Ein Unikum: In Düsseldorf ging die Studentenbewegung von einem selbst für die eigenen Schüler rätselhaften Professor aus. Revolution wurde für Beuys nicht durch Gewalt, sondern durch Kunst gemacht. Ein schönes Bild dafür war das „Revolutionsklavier“ mit seinen 100 Nelken, mit dem sich Beuys am Akademierundgang 68/69 beteiligte.

Beuys hat die Tätigkeit als Lehrer als „sein größtes Kunstwerk“ bezeichnet. Wenn man die Vielzahl der Kunstkarrieren bedenkt, die von seiner Klasse ausgegangen sind, hatte er damit recht. Im November 1961 nahm er die Lehrtätigkeit auf, erhielt aber nie den Beamtenstatus. Die fristlose Kündigung durch das Wissenschaftsministerium erfolgte im Oktober 1972, weil Beuys über alle ministeriellen Anordnungen hinweg abgewiesene Studienbewerber in seine Klasse aufnahm. Er pochte auf die Autonomie der Akademie gegenüber dem Staat. Die Kündigung wurde sechs Jahre später vom Bundesarbeitsgericht aufgehoben.

Stüttgen rekapituliert das Geschehen umfangreich. Alle zwanzig „Ringgespräche“, bei denen Beuys etwa mit Kreide auf dem Klassenboden seine Kunstbegrifflichkeit erklärte, werden in wörtlicher Rede wiedergegeben. Dabei stützt sich der Autor auf Exzerpte und nachgezeichnete Diagramme. Es handelt sich also um Gedächtnisprotokolle, wobei Stüttgen sich die Beuys’sche Diktion virtuos zu eigen macht. Befragungen von Anatol und Imi Knoebel erinnern an die vergleichsweise ruhigen Jahre der Beuys-Klasse „vor Stüttgen“.Welche Bedeutung jene Zeit für die Schüler hatte, bezeugte erst jüngst die Knoebel-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie, in der jener Raum skulptural nachgebildet zu sehen war, den Beuys ihm in der Akademie zugewiesen hatte.

Das Buch besticht als Zeitzeugenbericht, der allerdings immer wieder durch die offensichtliche Selbstüberschätzung des Autors gestört wird. Gleichwohl sind die persönlichen Wertungen das Salz in der Suppe: Mit Skepsis werden die egomanen Immendorff-Aktivitäten geschildert, mit Empörung die Ausführungen von Sigmar Polke wiedergegeben, Beuys habe bei Rudolf Steiner abgekupfert. Demonstrative Gelassenheit zeigt Stüttgen dafür gegenüber den Störaktionen der Gruppe Yiup, die Beuys zu entmystifizieren suchte. Andere kunstpolitische Aktivitäten von Beuys außerhalb der Akademie, etwa die Kooperationen mit Klaus Staeck, werden fast ganz ignoriert.

Jeder Beuys-Schüler könne seine eigene Geschichte schreiben, so Stüttgen. Tatsächlich gibt es skeptischere Beurteilungen des Lehrers. Stüttgen stellt sich niemals „über Beuys“, er ist Überzeugungschronist. Der Überraschungscoup, für den Beuys immer gut war, bleibt bei ihm aus. Dafür liefert er einen imposanten Block bewegter Akademiegeschichte. Den Leser „von außen“ werden jene Beschreibungen von zwei Beuys-Aktionen mehr bewegen, die sich jenseits des Akademiegebäudes abspielten: „Iphigenie / Titus Andronicus“ 1969 im Frankfurter Theater am Turm und „Celtic (Kinloch Rannoch): The Scottish Symphony“ 1970 in der großen Edinburgher Ausstellung „Strategy: get arts“.

Johannes Stüttgen: Der Ganze Riemen. Joseph Beuys – der Auftritt als Lehrer – die Chronologie der Ereignisse an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf 1966–1972. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2009. 1048 Seiten, 98 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar