Kultur : Kunstaugen sehen dich an

Silvia Hallensleben

Historisch gesehen ist das Kino aus der Überwachung geboren. Vor der Kunst kam die Kontrolle. Die Bewegungsstudien von Marey und Muybridge an Vögeln, Menschen und anderen Tieren waren nicht deren Schönheit geschuldet, sondern dem Versuch, die Bewegungsabläufe bei Vogelflug und Galopp experimenteller Untersuchung zu unterziehen. Erst die Entwicklung der magnetischen Bildaufzeichung in den 60er Jahren, der Videotechnik mit ihrer (fast) unbegrenzten Materialverfügbarkeit machte es allerdings praktikabel, die Kamera großflächig zur Beobachtung einzusetzen. Denn der größte Teil des gedrehten Materials wird nie ausgewertet, sondern nach entsprechender Lagerzeit neu bespielt. Bis zum Ernstfall. Es ist dieses paradoxe Verhältnis von Normalität und Ausnahmefall, das die Dramaturgie der Überwachungsbilder bestimmt: Man wartet auf das, was nicht geschehen soll, wie es Heiner Mühlenbrock in seinem Film "Vor aller Augen" nennt.

Trotz der Entwicklung neuer Formen technischer Überwachung ist auch heute die Kamera immer noch das Kontrollinstrument per se, was in entsprechenden filmtheoretischen Konstruktionen Niederschlag gefunden hat. Eine Filmreihe im Berliner Arsenal widmet sich bis zum 6. Februar dem "Überwachen und Aufzeichnen". Die Filmreihe, die im Kontext einer interdisziplinären Ausstellung des Karlsruher ZKM zur "Rhetorik der Überwachung von Bentham bis Big Brother" konzipiert wurde, zeigt dabei neben Spielfilmen wie Peter Weirs "The Truman Show" auch Filmprojekte, die versuchen, die Ästhetik der Überwachung nicht nur zu thematisieren, sondern ihr mit filmischen Mitteln nachzuspüren.

Der Reiz dieser Bilder wurde von Künstlern schon früh entdeckt. Warhols Echtzeit-Studien waren Vorläufer. Michael Klier kompiliert 1983 in "Der Riese" Überwachungsbilder von Kaufhäusern, Straßen und Tankstellen und unterlegt sie mit Musik. Die Beobachtungssituation wird selbst zum Objekt der Beobachtung. Neben dem aufklärend dokumentarischen Impetus zeigt sich in den unscharfen Bildern aber auch eine melancholische Ästhetik des Absichtslosen. Als Prototyp des überwachenden Blicks und Vorform der Videoaufklärung gilt seit der Wiederentdeckung durch den Philosophen Michel Foucault in den 70ern das Panopticon des englischen Utilitaristen Jeremy Bentham. Das Panopticon ist eine Gebäudeform, die durch konzentrische Anordnung der zu beobachtenden Räume um einen zentralen Turm von dort aus umfassende Übersicht gewährt, den Blick zurück aber nicht gestattet. Der Insasse weiß nie, ob er nun gesehen wird oder nicht.

Das Panopticon blieb keine Theorie, in vielen Gefängnissen weltweit, doch auch in anderen Anstaltsbauten wurde es realisiert. Im Prinzip funktioniert auch die Videoüberwachung nicht anders, da nie sicher ist, ob die Kamera läuft. Mittlerweile ist der Turm durch die Monitor-Batterien der elektronischen Auswertungstafeln ersetzt worden, moderne Gefängnishöfe in den USA sind in Tortenform geschnitten, um perfekt dem Kamerawinkel wie auch den Schussbahnen ausgesetzt zu sein, wie es Harun Farocki in "Gefängnisbilder" zeigt

Ein qualitativer Sprung in der Überwachung ist der Schritt von der präventiv-repressiven Kontrolle zur vorsorglichen Nutzung von Beobachtungsdaten, etwa in Supermärkten, wo die Kamera im Verbund mit anderen Techniken längst von der Diebstahlsverhinderung zur Konsumentensteuerung aufgestiegen ist. Auf der anderen Seite gewinnen ortsunabhängige Überwachungs- und Steuerungstechniken Raum wie die - potenziell interaktive - Fußfessel, eine Entwicklung, die am Ende die Anstalt aufheben könnte, wie Farocki meint.

Im Stadtbild scheinen die Überwachungskameras das Gegenbild zur Allgegenwart der Screens. Während wir beobachtet werden, löst unser Leben sich an die Bilder auf. Dass Benthams aufklärerisches Modell unter solchen Bedingungen vielleicht nicht mehr funktioniert, erläutert Thomas Y. Levin, der die Karlsruher Ausstellung kuratiert hat, in einem Aufsatz, der in einem Überwachen-Special der vorzüglichen Internet-Filmzeitschrift "nach dem film" ( www.nachdemfilm.de ) zu finden ist. Nach Levin hat der überwachende Blick seine abschreckende Wirkung verloren, ja, wurde im Gegeteil zu der Instanz, die den Ereignissen überhaupt erst Realitätsstatus verleiht. Zunehmend sind ja Verbrechen, gerade bei Jugendlichen, für den Kamerablick inszeniert.

Auch Wim Wenders thematisiert in "Am Ende der Gewalt" noch einmal Benthams uraufklärerischen Gedanken der General-Überwachung zur Herstellung endgültigen Landfriedens. Das Projekt scheitert hier an der Moral der Mächte, die es betreiben. Neben der sauberen Seite des "kalten Auges" gibt es immer auch den schmutzigen Aspekt. Voyeurismus und Aufklärung: Die Vorstellung vom Überwacher, der sich heimlich an den Bildern aufgeilt.

Der Filmwissenschaftler Wilfried Pauleit, der die Filmreihe kuratiert hat, wies am gestrigen Eröffnungsabend auch auf den erstmal abwegig erscheinenden Zusammenhang zwischen Videoüberwachung und Filmwissenschaft hin, die ihren Stoff auch nur durch flächendeckendes Bereithalten verfügbarer Video-Aufzeichnungen beherrschbar macht. Der schönste Ausdruck dieses Zusammenhangs ist vielleicht der zwanghafte Fernsehmitschneider, der das vorbeiflimmernde weiße Rauschen in allumfassender Vollständigkeit sammelt und archiviert. Das System schlägt zurück: Alles unter Kontrolle!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben