Kunstauktion : Der Wassermann

Sotheby’s hat das Juwel der Auktionswoche, eine kostbare Sammlung mit Aquarellen von William Turner, auf Tournee um die Welt bis nach Hongkong geschickt, um neue Käufer anzulocken.

Mattihas Thibaut

Zwei Wochen nach dem Kaufrausch, den die moderne Kunst in London entfesselte, zeigen die Alten Meister, welche Begierden sie wecken können. Zwar sind die Kenner aus Europa und den USA hier noch weitgehend unter sich. Doch das könnte sich ändern: Sotheby’s hat das Juwel der Auktionswoche, eine kostbare Sammlung mit Aquarellen von William Turner (1775–1851), auf Tournee um die Welt bis nach Hongkong geschickt, um neue Käufer anzulocken. Kurios, dass der belgische Baron Guy Ullens und seine Frau ihre Turners verkaufen, um ihre Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst auszubauen. Wenn Chinesen Turner und belgische Barone Chinesen kaufen, kann dem Kunstmarkt wohl nichts mehr passieren.

Die 14 Blätter sind exquisit, decken alle Perioden und das stupende technische Repertoire Turners ab. Sie sind aber auch teuer. Der Baron hat sich von einigen außerordentlichen Preisen der letzten Jahre zum Verkauf und zu hohen Taxen animieren lassen. Da brachte eine Venedig-Vedute von Turner 35 Millionen Dollar, und sein Aquarell „The Blue Rigi“, das mit enormer Kraftanstrengung von der Londoner Tate Gallery angekauft wurde, kostete bei Christie’s 5,8 Millionen Pfund. Fast so hoch ist das Aquarell des Lungernsees angesiedelt, das zwei bis drei Millionen Pfund kosten soll. Es wurde 1848 gemalt, und Turner zaubert hier aus hauchdünnen Lavierungen eine Abendlandschaft. Der Neumond am Himmel, aus der Farbe gekratzt, die Abendsonne auf der Hügelkette mit dem Wetterhorn, Kühe im Vordergrund – und doch blicken wir nicht auf eine Alpenidylle, sondern in eine imaginäre Kunstlandschaft.

Ullens hat einige Blätter erst in den letzten Jahren gekauft – alle bei dem Londoner Händler Richard Green. Ein 2005 in London für 1,8 Million ersteigertes Blatt des Vierwaldstätter Sees ist auf zwei bis drei Millionen Pfund angesetzt. Die Nummer zwölf im Katalog soll mit mindestens 400 000 Pfund den Preis verdoppeln. Was wird den Ausschlag geben – die Bedeutung dieser Blätter oder die Abneigung des Altmeistermarktes gegen rasante Aufschläge?

Die Aquarelle sind Teil von Sotheby’s Altmeisterauktion am 4. Juli mit einem Toplos von Velazquez: ein Bildnis der heiligen Rufina für sechs bis acht Millionen Pfund. Seit es 1999 zuletzt auf dem Markt war (damals für 5,4 Millionen Pfund), sind Altmeister teurer geworden, und Sotheby’s konnte die Provenienz des Bildes bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Das lässt den Preis steigen. Schlusspunkt ist ein dramatischer Fragonard von 1770, der die Libertinage des untergehenden Ancien Regimes einfängt. Es heißt „Le verrou“: Ein junger Mann zieht mit der einen Hand ein sich windendes Mädchen an sich, mit der anderen schließt er den Riegel an derSchlafzimmertür. Die rasante Skizze kostet fünf bis acht Millionen Pfund.

Christie’s bietet am 5. Juli eines der sinnlichsten Bilder aus dem englischen 17. Jahrhundert: eine vom Hofmaler Peter Lely gemalte Mätresse von Charles II. als Venus(1,5–2 Millionen Pfund). Schlusspunkt dieser Altmeisterauktion ist ein Gemälde von Raffael. 10 bis 15 Millionen sind für das Porträt des Medici- Fürsten taxiert, das wichtigste Altmeisterlos seit 2004, als ein Vermeer 16 Millionen Pfund erzielte. Mattihas Thibaut

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