Kunstausstellung : Der Doppelspieler

Anarchist und Avantgardist: Heinz Hajek-Hakle gehört zu den Fotopionieren der 1920er und frühen 1930er Jahre. Die Berliner Kunstbibliothek würdigt sein Werk bestehend aus Montagen, Experimenten, Aktstudien und Werbeaufnahmen.

Nicola Kuhn
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"Die üble Nachrede" aus dem Jahr 1932. -Foto: Heinz Hajek-Halke/Agentur Focus

Der Mann war ein Teufelskerl, sumpfte in den Spelunken rund um den Alexanderplatz, kokste, dealte, kehrte mit der Knarre aus dem Krieg zurück, um als Anarchist im Berlin der zwanziger Jahre herumzuballern. Und er war ein Bild von Mann, wie noch das in den Fünfzigern von einer Freundin aufgenommene Porträt beweist. Es zeigt ihn verwegen bei strömendem Regen im Ledermantel mit Fliegermütze, in der Hand ein weißes Taschentuch. Das Foto könnte genauso gut ein Filmstill sein.

Heinz Hajek-Halkes Leben (1898 bis 1983) hatte das Zeug zum Roman. Immer wieder erfand dieser Beau sich neu, ja lebte nicht ein, sondern drei, vier Leben bedingt durch die Wechselfälle der damaligen Zeit. Und doch ist die schillernde Persönlichkeit hinter seinem fotografischen Werk verblasst. Mochte er auch ein Hallodri gewesen sein, seine Bilder hat er stets perfekt archiviert. Zehn Jahre vor seinem Tod, 1973, übergab der emeritierte Dozent für Photo-Graphik von der Hochschule für Bildende Künste Berlin zur Sicherheit seinem bekanntesten Schüler Michael Ruetz den gesamten Nachlass. Dieser hat seinerseits gerade Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum und in der Akademie der Künste.

Ein Vierteljahrhundert später wird dieser Schatz von HHH nun gehoben. Vor fünf Jahren zeigte das Pariser Centre Pompidou sein Werk, der Steidl Verlag hat einen opulenten Doppelband herausgebracht. Zum guten Schluss präsentiert nun das Berliner Museum für Fotografie, das zur Kunstbibliothek gehört, seine Arbeiten. In gewisser Hinsicht kehrt er damit heim: Als der gebürtige Berliner in den Zwanzigern mit Doppelbelichtungen und Fotomontagen experimentierte, stellte auch der legendäre Kunstbibliotheksdirektor Kurt Glaser die ersten Beispiele des Neuen Sehens aus. Hier also, wo Hajek-Halke ab 1925 mit Yva und Marta Astvalck-Vietz Fotografiegeschichte schrieb und die sogenannte „Combi-Photographie“ erfand, müsste sein Nachlass eigentlich aufbewahrt werden. Diese Botschaft steht unausgesprochen im Raum, wenn Ludger Derenthal, heutiger Leiter des Museums für Fotografie, Hajek-Halke als einen Pionier der zwanziger und dreißiger Jahre lobt.

Rasante Perspektive: Comi-Fotografie

Von Hajek-Halke stammt schließlich jener berühmte schwarz-weiße Doppelakt, bei dem sich der nackte Körper ein und derselben Frau – einmal hell, einmal dunkel – gegeneinander dreht und zur zweiflügeligen Chimäre wird. Dynamik spricht aus dem Bild, Experimentierlust und Freizügigkeit. Die Ausstellung zeigt die Schritte hin zu dieser Ikone der Foto-Avantgarde: wie sich die Aufnahme immer mehr auf den Torso konzentriert, der durch die Dublizierung in Schwarz und Weiß zu einem völlig neuen Wesen mutiert. Hajek-Halke treibt hier, in der ersten Hälfte der Dreißiger, seine Laborkünste auf den Höhepunkt – die reine Konzentration auf den Akt und dessen freie Gestaltung. So viel Ungebundenheit, gestalterisch wie inhaltlich, besaß er vorher und hinterher nicht. Hatte Hajek-Halke in den Zwanzigern mit seinen Doppelbelichtungen noch bestimmte Themen illustriert – Trunkenheit, Kopfschmerz, Zeit –, so beschäftigte er sich nach dem Krieg eher formal mit abstrakten Experimenten wie Lichtstreifen.

Ähnlich wie sein Leben ist auch sein Werk von Brüchen gekennzeichnet, die einerseits eine kunstwissenschaftliche Würdigung erschwerten, andererseits seine Rezeption in ihrer Vielgestaltigkeit umso reizvoller werden lassen. Als gelernter Gebrauchsgrafiker hatte Hajek-Halke immer auch die kommerzielle Verwertung seiner Aufnahmen im Sinn. Die junge Frau mit lachend aufgerissenem Mund illustriert nicht nur die Fotomontage „Gassenhauer“, bei der die Tasten eines Klaviers quer durch ihren Kopf klimpern, sie taucht auch auf dem Umschlag des Romans „Elisabeth geht zum Tonfilm“ wieder auf.

Der Kleintierfotograf

Einen Strich unter seine Experimente zog Hajek-Halke, als das Propagandaministerium 1933 von ihm verlangte, Plakate für die NSDAP zu entwerfen und Porträts kommunistischer Politiker zu verfälschen. Er verkroch sich am Bodensee, wurde von einem Tag auf den anderen Kleintierfotograf und verdiente sein Geld mit Aufnahmen für naturwissenschaftliche Magazine. In der Kunstbibliothek sind einige der schönsten Aufnahmen zu sehen. Mit seiner selbst gebauten Großbildkamera porträtierte er die gemeine Stubenfliege Drosophila und den Bücherskorpion Chelifer mit so viel Subtilität und Hingabe, als wär’s wie einst der Körper einer schönen Frau.

Ganz hält er die innere Emigration jedoch nicht durch. Als Hajek-Halke für den Rüstungskonzern Dornier in Friedrichshafen als Werksfotograf arbeiten kann, ist er dabei. Auch hier wendet er die Prinzipien der Avantgarde-Fotografie an: Steile Perspektiven, gewagte Schnitte machen aus den banalen Fliegern aufregende Motive. Der Krieg bleibt ausgeblendet. In den Fünfzigern hat der Pionier von einst noch einmal seine große Zeit. Die Jungen entdecken ihn wieder, überbrücken mit seiner Hilfe die dunkle Phase des „Dritten Reiches“, um bei den Prinzipien der Neuen Fotografie erneut anzuknüpfen.

Die Aufbruchsstimmung ist zum Greifen nah. Hajek-Halke dokumentiert sie am Beispiel des Berliner Hansaviertels, das gerade entsteht. Auf Betreiben von Karl Hofer wird er an die Hochschule der Bildenden Künste berufen, wo Michael Ruetz dem Doyen begegnet. Dem Haudegen Hajek-Halke hat es der Amateurfotograf angetan, der eigentlich seine Sinologiepromotion beenden sollte. Doch da kam ’68 dazwischen, und Ruetz wurde ihr Dokumentarist. Dem jungen Revoluzzer mit Sinn fürs Bild übergab der alternde Avantgardist schließlich sein Werk. Seinen künstlerischen Sprengstoff hat es bis heute bewahrt.

Kunstbibliothek, Kulturforum, Matthäikirchplatz, bis 2. März; Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sa./So. 11–18 Uhr. Katalog (Steidl Verlag) 85 Euro.

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