Kunstfest Weimar : Ich bin ein Streiftier, Madame

Unter der neuen Leitung von Christian Holtzhauer sucht das Kunstfest Weimar die große Bühne – und findet Verrücktes von Goethes Zebra bis zum australischen Hitler-Theaterabend „Ganesha versus the Third Reich“.

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Hans-Peter Litschers Performance "Goethes Zebra"
Hans-Peter Litschers Performance "Goethes Zebra"Foto: Hans-Peter Litscher/Kunstfest Weimar

Eigentlich müsste man hier den Weltgeist zünden, leuchten, explodieren lassen. Ein bisschen zumindest, wenn man das nach der Wende erfundene und jetzt zum 25. Mal stattfindende „Kunstfest Weimar“ auf der europäischen Sommerfestivalbühne auch weiter feiern will.

Aber wie den Weltgeist in das einstige Weltgenienest alljährlich herbeizaubern? Und für wen? Zwar hat Weimar heute gut zehnmal mehr Einwohner als zur Zeit, als Goethe, Schiller, Herder, Wieland nebst der Freifrau von Stein und anderen Illustren sich täglich über den Weg spazierten und ritten. Doch sind 65000 heutige Weimarer noch immer eine kritisch kleine Masse für ein anspruchsvolles Festival, das zu allererst nicht museal, sondern gegenwärtig wirken will. Wohingegen die auswärtigen Gäste, die dem thüringischen Städtchen im Jahr bis zu einer Million Übernachtungen bescheren, meistens gerade nicht wegen der Gegenwart anreisen. Die nahegelegene Gedenkstätte des ehemaligen KZs Buchenwald hat über eine halbe Million Besucher pro Jahr, und ins Goethe-Wohnhaus mitsamt neugestaltetem Museum kommen jährlich knapp 200 000 Menschen, davon etwa 20 Prozent aus dem Ausland.

Zum Kunstfest Weimar, das nur zweieinhalb Wochen dauert, lockt es gerade 20 000 Besucher. Zehn Jahre lang hat die ambitionierte Komponisten-Urenkelin Nike Wagner das Festival geleitet und es in Anlehnung an ein Musikstück ihres zweiten großen Ahns, Franz Liszt, „Pèlerinages“ genannt, zu deutsch „Pilgerfahrt“. Richtig populär wird man wohl nicht mit einem so bildungsflimmernden Titel im Thüringen von jetzt. Christian Holtzhauer ist der neue Kunstfest-Direktor, und der 40-jährige gebürtige Leipziger und aufgewachsene Berliner zeigt erstmal pragmatische statt intellektuell-programmatische Züge. Er hat in Berlin und Toronto studiert, war bis 2004 Leiter der Berliner Sophiensäle, dann bis letztes Jahr überwiegend Dramaturg am Stuttgart Staatsschauspiel: beim damaligen Intendanten Hasko Weber, der inzwischen das Deutsche Nationaltheater Weimar leitet und seinen früheren Mitarbeiter für das Kunstfest empfohlen hatte.

Holtzhauer dockt sein Festival nun auch beim Nationaltheater organisatorisch an, betont aber seine künstlerische Autonomie. Themen für die kommenden Jahre sind für ihn die Begriffspaare „Kulturnation – Nationalkultur“ oder „Provinz und Metropole“, ihn interessiert die Frage „Wie funktioniert Erinnerung?“, und er sagt: „Ich möchte näher ran an die Menschen vor Ort, an die Orte in der Stadt.“ Apropos Erinnerung: 2015 sollen die Dokumentar-Fiktionalisten der Gruppe Rimini Protokoll für Weimar und später auch Berlin einen Abend zum 70-jährigen Jubiläum des Zweiten-Weltkriegs-Endes inszenieren.

Übertrieben originell mag das nicht klingen, passend ist es schon, zumal an dem Ort, der einerseits der ersten deutschen Demokratie und Republik ihren Namen gab (100 Jahre-Jubiläum 2019), aber auch eine Lieblingsstadt Hitlers war und die Formel vom „Volk der Dichter und Henker“ auf engstem Raum wie nirgendwo sonst symbolisiert.

Die Henker sind von gestern, die Dichter haben auf Schritt und Tritt ihre Orte der Erinnerung, doch auch das ist Weimar: Viel wird noch immer restauriert, Barock, Klassizismus, Jugendstil und Bauhaus erstrahlen, auch dank EU- und Unesco-Geldern, denn man ist ja Weltkulturerbe. Nur wenige grau verwitterte Bauten erinnern noch daran, wie es vor 25 Jahren zur Wendezeit aussah, als Ostdeutschland Städten derVerfall der DDR ins Gesicht geschrieben stand. Verblüffend aber ist die zweite Renovierungswelle. Unmittelbar vor Goethes 265. Geburtstag ist jetzt der Platz vor dem Dichterhaus, der berühmte Frauenplan, aufgerissen und von Baggern, Rohren, Dixie-Klos gesäumt. Gleichfalls zur Hochsaison ist Schillers Wohn- und Sterbehaus mit Brettern vernagelt, drin wird im Sommer gehandwerkt, um im November wieder zu eröffnen. Berlin kennt das.

Die Henker freilich sind von gestern. Darauf besteht Weimar, weshalb eine der beiden theatralen Eröffnungs-Vorstellungen des Kunstfestes keinen Hitler-Darsteller mit einem Hakenkreuz am Ärmel in der Stadt plakatieren durfte. Allerdings war der nur kindsgroße, spillrige Akteur ein eher rührendes Führerlein. Das australische Back to Back Theatre zeigte „Ganesha versus the Third Reich“, eine Inszenierung mit teilweise körperbehinderten Spielern. Darin geht es aus nicht ganz erklärlichen Gründen um den elefantenköpfigen Hindu-Gott Ganesha, der, um die Welt vor dem Untergang zu retten, in Berlin kurz vor Hitlers Ende diesem noch das Hakenkreuz rauben und das alte indische Symbol in sein unschuldiges Ursprungsland zurückbringen soll.

Die Aufführung wurde im Weimarer Nationaltheater bejubelt, aber das geschah wohl vor allem in Anerkennung der behinderten Akteure, die jedermanns Herz gewannen, da war die harmlos kuriose Geschichte im Grunde egal. Immerhin: Der gute Ganesha könnte auch ein Patron des Hotels „Elephant“ in Weimar sein – einst bekanntlich Adolf Hitlers Lieblingsherberge. Witziger Einfall des Kunstfestes: Vom berühmten „Führerbalkon“ grüßt jetzt der Avantgarde-Designer und Bauhauspartner Henry van de Velde in Gold herab aufs entbräunte Volk, während eine Absolventin der Weimarer Bauhaus-Universität zur Irritation des bis heute vom „Führerbalkon“ faszinierten Straßenpublikums einen optisch täuschend gleichen Balkon ein Stockwerk höher als (Stadt-)Führerfake auf die Fassade geklebt hat. Wahre Kunst am Bau.

Ausstellungen und Interventionen im öffentlichen Raum sind wohl die Stärke des Weimarer Kultursommers. Das Tanztheater der Compagnie „fragile“ des Franzosen Christian Rizzo, die andere Festivaleröffnung, wollte in der großen neuen „Weimarhalle“ Inspirationen durch südosteuropäischen Volkstänze und heutige Musik vereinen. Aber die acht männlichen Tänzer boten nur einen manchmal sirtakihaften Ringelpiez, völlig spannungslos, so, als seien südliche Männer nichts als Softies, selbst wenn dazu zwei Schlagzeuger wie die Teufel trommeln.

Die Härten der Zeit und Zeiten leuchten dagegen auf in der brillanten Großausstellung der Klassik Stiftung Weimar aus Anlass des Weltkriegsjubiläums. Der „Krieg der Geister“ präsentiert im Neuen Museum Weimar nach Bach, Goethe, Wagner und Nietzsche vor und nach 1914 als Brennpunkt und Schnittstelle zwischen Humanismus und Militarismus, zwischen Ideal und Ideologie, bis hin zum Vorschein schon eines tödlichen Antisemitismus (vgl. auch Tsp vom 17. 8.). Freilich war die geistesgeschichtlich hochinteressante Schau eine Woche nach ihrer Eröffnung samstags bei trübem, bestem Museumswetter fast ohne Besucher.

Ins Goethehaus und -Museum strömen sie schon. Und von hier nimmt eine der schönsten Unternehmungen des Kunstfests ihren Anfang. Hans-Peter Litscher führt jeweils etwa 20 Besucher mehrmals am Tag von hier durch Goethes Garten, vorbei am Haus der Frau von Stein (an einen spanischen Privatinvestor verkauft!) und an der Anna-Amalia-Bibliothek (nach dem Brand wieder ein Besucher-Highlight) bis in die Kapelle des herzoglichen Schlosses, das in den nächsten Jahren auch endlich restauriert werden soll (Finanzierung noch offen).

Die Kapelle ist sonst geschlossen und bislang noch von Metallgerüsten und Zwischenböden eines ehemaligen DDR-Magazins entstellt. Schon dieser Einblick ist die Sache wert. Aber Litscher, der 59-jährige Schweizer Meister der erfundenen Kulturgeschichte, der von New York bis Moskau, von Paris bis Wien seinen so intellektuellen wie zugleich burlesk verrückten Schabernack treibt, er passt als Doppelbödiger in die Zwischenreiche aus Klassik, Hofkirche, Postsozialismus und neuester Unübersinnlichkeit.

Litscher baut Lesemaschinen für Subtexte, inszeniert Greta Garbos Füße als Fetischfußnoten der Filmgeschichte – und setzt uns in Weimar mit „Goethes Zebra“ auf die Spur einer tollen Streiftierliebe des naturwissenschaftlich am Urpferd interessierten Universalgenies. Dichtung und Wahrheit verspinnen sich, Marlene Dietrich (die in Weimar tatsächlich ihren Geigenlehrer vernaschte), Marquis de Sade, Samuel Beckett, Walter Benjamin, Che Guevara (als Goethe-Leser) und mancherlei zoologische, erotische, poetologische Sensationen kommen ins Spiel, inklusive eines elektromagnetisch erigiblen Zebragliedautomaten. (Termine bis 7. 9., siehe www.kunstfest-weimar.de).

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