Kunstfestival : Schrei aus der Kälte

Das Nordwind-Festival eröffnet mit dem wuchtigen Stück „20. November“ über junge Amokläufer. Bis zum 2. Dezember ist Berlin Mittelpunkt der nordeuropäischen Kunstszene.

Patrick Wildermann

Die brutalen Computerspiele sind Schuld. Und die Musik natürlich. Schockrock, wahrscheinlich Marilyn Manson. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Und irgendeine muss es schließlich geben, nach jedem Amoklauf, in jeder Stadt, ob in Littleton, Erfurt, Blacksburg oder, wie im jüngsten Fall, im finnischen Tuusula. „Das einzige, was ich an der Schule gelernt habe, ist, dass ich ein Verlierer bin“ – so spricht Anne Tismer als junger Amokkandidat in dem Monolog „20. November“, der auf Tagebuch- und Interneteinträgen des Emsdettener Todesschützen Bastian B. gründet, aber auch andere Fälle und eigene Mobbing-Erfahrungen einfließen lässt. Es ist ein Drama, das nicht erklären will, sondern zum Zuhören zwingt. Tismer erzählt, vor Spannung vibrierend, jede ihrer aggressiven Gesten ein haltsuchender Griff ins Leere, in martialischem Stakkato von Ohnmachtsgefühlen und Allmachtsphantasien Sie nimmt keine Distanz zu dem Jungen, den sie spielt, sie schreit aus seiner todtraurigen Welt herüber.

Anne Tismer hat dieses Stück, das jetzt im Ballhaus Ost das Nordwind-Festival in Berlin eröffnete, zusammen mit dem schwedischen Dramatiker Lars Norén ursprünglich für das Festival in Liège entwickelt. Sie zeigt es seitdem viel an Schulen und erlebt – obwohl manche Pädagogen wegen der Überzeugungswucht der Abschiedsworte gar Anstiftungsgefahr wittern – wie eine Atmosphäre von Sprach- und Hilflosigkeit aufbrechen kann.

Das Nordwind-Festival, das die Leiterinnen Ricarda Ciontos und Katja Kettner als künstlerische Erdung der Klischees von der Blockhütte bis zum Fjord verstanden wissen wollen, wird noch bis 2. Dezember Theater-, Tanz-, Musik- und Performance-Produktionen aus Schweden, Norwegen, Island, Finnland und Dänemark an verschiedenen Spielorten zeigen. Ob das Crossover-Konzept des Festivals aufgeht, das fortan alle zwei Jahre in Berlin stattfinden soll, bleibt abzuwarten. Das Programm verheißt jedenfalls Gutes.

Im Schauspielbereich wird unter anderem ein weiteres Stück von Lars Norén zu sehen sein, das dunkel-lakonische Psychodrama „Nachtwache“, das in Bergman’scher Kammerspiel-Tradition vier schlaflose Figuren die eigenen Seelen-Untiefen ausloten lässt, inszeniert vom isländischen Regisseur Thorleifur Arnarsson, der an der Ernst-Busch-Schule studiert. Das schwedische Riksteatern lädt zum „Wunschkonzert“, jenem Selbstmord -Monolog von Franz Xaver Kroetz. Wie in der Heimat findet das Stück beim Gastspiel in einer Neubauwohnung statt.

Neben dem Tanz – mit der Schwedin Anna Koch („Montage 2“) und der Finnin Eeva Muilu („Too Many Voices For One“) zeigen zwei der vielversprechendsten jungen Choreografinnen des skandinavischen Raumes ihre Arbeiten – machen vor allem die Musikprojekte neugierig. In „Dead, dead and very dead“, das die dänische Kompanie Holland House mit FM Einheit (Ex-„Einstürzende Neubauten“) konzipiert und komponiert hat, spielt die grandiose Jazz-Sängerin Caroline Henderson einen gefallenen Engel, der sich die Stimme mit Drogen ruiniert hat. Henderson wird auch ein Solokonzert geben, mit Songs ihres Albums „Love Or Nothin’“, was sicher ein ebensolches Highlight wird wie der Abend mit dem extravaganten finnischen Akkordeon-Aficionado Kimmo Pohjonen.

Der Beginn aber gehört der großen Stille, die am Ende von „20. November“ herrscht. Tismer packt die Waffen in eine Sporttasche und fragt in die Runde, ob noch jemand was sagen möchte. Nein, niemand. Patrick Wildermann

Das Festival-Programm im Internet: www.nordwind-festival.de

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